Adoleszenz auf der Ars Electronica

Nun hat sich der postmoderne Zeitgeist der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bekanntlich in eine daueradoleszente Gesellschaft psychosozialer Moratorien gewandelt, die auf Festivals wie der Transmediale oder der Ars Electronica in verdichteter Weise zu spüren sind. Ausdrucksmittel dieser Moratorien sind natürlich nicht mehr die der Punks oder Grufties, sondern, wie auf der letzten Transmediale “conspire” explizit thematisiert, die Verschwörungen, der Dauerverdacht, der das von Marcel Duchamp so genannte “intentionale ready made” potenziert. Was ist damit gemeint? Als Beispiel möchte ich die auf der diesjährigen Ars gewürdigte interaktive Installation a plaything for the great observers at rest anführen. Man kann hierbei ein Modell eines Planeten, der um ein Zentralgestirn kreist, interaktiv drehen und so verschieben, dass der Planet zum Zentralgestirn wird. Mit anderen Worten, man kann zwischen geo- und heliozentrischen Weltbild wählen. Die Manipulation des Modells beeinflusst eine Bodenprojektion einer astrophysikalischen Situation, bei der die Tag- und Nachphasen im zeitlichen Ablauf dargestellt sind. Es huschen sternähnliche Objekte über die Projektion, doch gelegentlich taucht aus dem Dunkel, einer Morgendämmerung gleich, eine Art Baumlandschaft auf. Problem ist, dass diese Tag- und Nachtphasen sowohl für das heliozentrische als auch das geozentrische Weltbild kontraintuitive Phänomene hervorruft. Es passt einfach nicht zusammen und man kann das Modell drehen und wenden wie man will, man gibt schließlich nach angestrengter Kognition auf, es doch noch verstehen zu können und zieht, wie bei fast allen interaktiven Werken, die quasi das Gegenteil von barrierefreier Interface-Konstruktion darstellen, frustriert von dannen und hofft, das eigentliche Konzept vielleicht noch durch den Katalogbeitrag in Erfahrung zu bringen.

Nun hatte ich die Gelegenheit, der zugehörigen Künstlerpräsentation zu lauschen und traute also meinen Ohren nicht. Diese interaktive Installation aus der von dem Künstler so genannten Kategorie “counteraktiv” war dazu gedacht zu zeigen, dass interaktiv nicht funktioniert. Ok, was denkt also so ein einfaches Gemüt wie ich: Da hätten sie ja irgendein interaktives Werk hinstellen können. Aber nunja, warum nicht dieses. Und damit komme ich zum Geheimtipp für die nächste Ars: Reicht doch die früher ausgezeichneten interaktiven Werke einfach nochmal ein unter dem Konzept counteraktiv, oder: “Wir wollten eigentlich schon immer damit zeigen, dass interaktiv nicht funktioniert”. Ein bisschen Theorie dazu und das Ding ist perfekt. Ihr könntet Euch nämlich auf den großen Marcel Duchamp berufen, der die gegenteilige Interpretation zur Interpretation schon mehr oder weniger mitgedacht hat und dies als “intentionales ready made” bezeichnet hat. Das “Intentionale” wird durch einen äußeren, mehr oder weniger zufälligen Prozess ausgelöst, der jetzt für die interaktiven Werke, die kontraaktiv sind, ja gegeben ist. Da diesen Blog ja eh so gut wie niemand liest, könnt ihr das ruhig machen - es fällt nicht auf und ich halte hundertprozentig dicht. Das bleibt unter uns.

Auf jeden Fall, um die Ars abzuhaken, war ich später noch dabei, mir die Installation “Call->Response” verständlich zu machen, als zufällig zwei Typen des Weges kamen und der eine zum anderen meinte: “Die Arbeit ist uninteressant - der ultimative Fake”. Das war dann ungefähr so, wie wenn ein Passant beiläufig meinte, während du gerade eine feine Sachertorte verspeist, dass die aus dem abgesaugten Fett von Schönheitsoperationen bestünde. Übrigens, auch so was gibt’s auf der Ars im Rahmen der slowensichen Präsentation “featured art scene” zu sehen, die allen Ernstes und wirklich ganz aufrichtig, das absolute Highlight der diesjährigen Ars war. Allein deshalb hat sich’s gelohnt, dort gewesen zu sein.

One Response to “Adoleszenz auf der Ars Electronica”

  1. Hans Says:

    Als Nachtrag hier noch eine Zusammenstellung von Kriterien, was interaktive Kunst ist.

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