Beschützerinstinkt

Meine Beobachtung führt mich mal wieder zu einer wilden Spekulation. Vielleicht gehe ich ja nur von mir selber aus. Aber wir wollen über Kunst reden, daher ist es diesesmal nicht nur Wurscht, sondern der Sache womöglich zuträglich.

Also erst einmal ein Wort zu Japan. Ich gehöre zu denen, die sich sofort in dieses seltsame Land verliebt haben. Andere möchten nach ihrem ersten Besuch nie wieder dort hin. Japan polarisiert gemäß meiner Beobachtung. Was ich unter denjenigen, die sich Hals über Kopf in Japan verliebt haben, ausserdem beobachte, ist der von ihnen ausgehende Beschützerinstinkt. Die Japaner sind ja bekanntlich Verwandlungskünstler und können aus der importierten Kultur etwas ganz eigenes machen. Nun weiß der Japan-Liebhaber natürlich auch um die exzeptionale Hilfsbereitschaft der Japaner aber auch um den verlotterten Westen, aus dem er kommt, Bescheid und fühlt daher die aufziehende Gefahr, dass auch dieses Mal der Japaner die unwirtliche Kultur aus dem Westen importieren könnte. Also, man möchte die Japaner eigentlich vor sich selber schützen. Absurd, ich weiß, sie sind nunmal Verwandlungskünstler. Warum ich das erzähle? Naja, weil ich in diesem Fall tatsächlich genau diese Meinung schon von einigen Japan-Liebhabern gehört habe. Die Japanophilen wissen, wovon ich rede.

Nun habe ich es leichter, über den beobachteten Ausverkauf der Kunst an die Wissenschaft zu reden. Da sind es nun vor allem die Physiker, die ihre fast zwangsläufig verdinglichende Methodik kennen und zunehmend in der Kunst eine Möglichkeit sehen, diese Verdinglichung auszugleichen. Nun werden sie der Tatsache gewahr, dass die Kunst offenbar nichts besseres weiß, als sich der Verdinglichung der Wissenschaft hinzugeben. Die existierende Auffassung, dass sich Kunst nach der Postmoderne unbedingt vom Körper emanzipieren muss, ist vielleicht extrem, gibt aber doch eine allgemein beobachtete Tendenz wieder. Zwar hat sich die Forderung der Avantgarde seit dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mittlerweile etabliert, nämlich dass Kunst sich ins Leben einschreiben und relational werden muss. In den praktischen Umsetzungen bleibt aber meist die Körperlichkeit auf der Strecke, so dass jedes Videospiel mehr zu bieten hat. Geht die Einschreibung ins Leben überhaupt ohne Körperlichkeit? Ja, und zwar deshalb, weil in den dominanten interaktiven Medien-Installationen, die den Rezipienten (jetzt User genannt) enthalten, Letzteren in einer überwiegenden Anzahl der Installationen auf Meßwerte reduzieren, die von ihm genommen werden und irgend etwas steuern und regeln, das im allerbesten Fall nur die Geheimnishaftigkeit des Verdachts beinhaltet, das sich hinter der medialen Oberfläche etwas verbergen könnte. Leider ist es nicht einmal mehr das. Das gilt zum Glück nicht gänzlich. Es gibt hervorragende Ausnahmen.

Beobachtet man die Geschichte der Kybernetik bzw. der allgemeinen Systemtheorie, so haben die Protagonisten zu allen Zeiten den Spagat zwischen Vitalismus und “harter” Systemtheorie versucht. Sowohl Ludwig von Bertalanffy als auch Norbert Wiener erwähnen in ihren frühen Schriften die Gibbsche Thermodynamik (TD) als die wahre wissenschaftliche Revolution des zwanzigsten Jahrhunderts, nicht die Quantenmechanik oder die Relativitätstheorie, wie von anderen behauptet wurde/wird. Nun, dies kommt wegen der in der TD verorteten Kontingenz. Dass dafür gerade die Gibbsche TD als prädestiniert gesehen wurde (auch heute noch gesehen wird), verwundert ziemlich, da es die Gibbsche Entropie ist, die auf der Ergodizitätsannahme fußt und kaum auf eine Nicht-Gleichgewichts-TD übertragbar ist, somit also innerhalb der verschiedenen Ansätze der TD den geringsten Beitrag zur Kontingenz liefern kann. In der staistischen Mechanik überhaupt eine Rettung zu sehen, ist ohnehin ein Kategorienfehler. Ich möchte diesen Aspekt heute nicht weiter vertiefen, aber möglicherweise später nochmals darauf zurück kommen.

Dass die TD nicht wirklich ein Konzept bereitstellt, das Leben in allen Aspekten zu erfassen, veranlasst viele Systemtheoretiker, sich an der Prozessphilosophie etwa von Herri Bergson oder Alfred North Whitehead zu orientieren. Z.B. Ilya Prigogine hat das getan, der dafür den Hohn aus den eigenen Reihen erntete (Er war eines der von Bricmont und Sokal in ihrer Schmähschrift gegen die Postmoderne auserkorenen Opfer).

Nun wissen die meisten Systemtheoretiker also um die Grenzen ihres Ansatzes Bescheid, streben aber nach einer Einbettung der performativen oder prozessualen Freiheitsgrade. Daher befinden sich ihre Konzepte am Rande des Mystizismus. Sie versuchen die Sphären der retrospektiven physikalischen Ereigniskausalität mit der Sphäre der Gründe, die keine Ursachen haben, also mit Intentionalität und kreativer (prospektiver) Wirkung in Verbindung zu bringen, also eine Wirkung, die erst eine Kausalitätskette auslöst. Die noch von Duchamp durchgeführten Experimente könnten wegen ihrer multivalenten Konzeption durchaus Vorbildcharakter haben. In der Wissenschaft sind die Experimente bekanntlich zur Verifizierung bzw. Falsifizierung von Hypothesen angelegt. Duchamp und andere Künstler zeigten nun, dass das Experiment bewußt offen konzipiert werden kann und damit im wissenschaftlichen Sinne eher dafür gedacht ist, Hypothesen zu generieren. Die eindeutige Wissenschaftlichkeit wird solchen künstlerischen Vorgehensweisen aber deshalb abgesprochen, weil es in der Wissenschaft für ungehörig gehalten wird, keine vorformulierten Hypothesen verifizieren oder falsifizieren zu wollen. Zwar sind es gerade die Überraschungen, die bei wissenchaftlichen Experimenten am ehesten innovativ sind, aber dies wird verschwiegen und verschwindet in der Schublade und bestenfalls von Wissenschaftstheoretikern diskutiert. In der Kunst wird (wurde bislang?) genau dies thematisiert.

Nun, vielleicht muss man nicht ganz so weit gehen wie Lutz Dammbeck dies in verschwörerischer Weise tut, nämlich den Künstler als einen “kritischen Klassenkaspar” und Pavlowsche konditionierte Maus im Laufrad zu sehen, aber andererseits vermag vielleicht gerade diese Übertreibung auf die verdinglichende Tendenz hinzuweisen. Jedenfalls kommen einem selbstkritischen Physiker allmählich die erlauchten Gegenspiele, wie es eben auch ohne Verdinglichung gehen könnte, zunehmend abhanden. Oh ja, die Physiker sollten freilich vorsichtig sein, es mit der Kunst gut zu meinen. Die wird (hoffentlich!) schon wissen, was sie tut.

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