Second Life: Die Errettung aus der avantgardistischen Paradoxie
Die derzeitige massive Krise des kapitalistischen Systems, das sich selbst ausbrennt (die Banken geben sich gegenseitig nicht gedeckte Kredite und versichern sich auch noch gegenseitig gegen die damit verbunden Risiken, usw.) würde wahrscheinlich die Väter der kritischen Theorie (die gemäß “Bildung. Alles was man wissen muss” von Dietrich Schwanitz “mega out” ist) zur neuen Hochform auflaufen lassen. Leider reißen die Monetaristen die Gesellschaft zwar mit ins Grab, möglicherweise würde Adorno und Horkheimer aber ein “Bätsch, wir wußten es doch schon immer” entfleuchen.
Aber das soll nicht mein jetziges Thema sein. Es ist vielmehr die avantgardistische Forderung der Kunst, sich in das Leben einzuschreiben, ja das Leben selbst zu werden. Nun sind die Zeitungen voll von nahezu apokalyptischen Meldungen, dass das Leben nur noch aus Show besteht (”Die Zeit” dieser Woche). Kunst und Marketing ist (wie von der Frankfurter Schule in apokalyptischer Weise vorhergesagt wurde) weitgehend ununterscheidbar geworden, mit dem durchaus beachtenswerten Vorteil, dass die Werbung ziemlich kreativ geworden ist. Zwischen Guerilla-Marketing/viral marketing auf der einen und Guerilla-Kunst/Aktionismus/Hacktivismus/Netzkunst auf der anderen Seite unterscheiden die meisten Marketing-AgentInnen kaum noch, aber auch zunehmend weniger KünstlerInnen. Ich habe einige Beipiele für diese Entwicklung, die ja ebenfalls von der Frankfurter Schule nahezu genau so vorhergesagt wurde, in früheren Postings in diesem Blog thematisiert, auch die Probleme der ontologischen Indifferenz, die eine Verschmelzung von Kunst und Wissenschaft mit sich bringen kann.
Ich erinnere an dieser Stelle an die Tatsache, die bei der Beurteilung der Frankfurter Schule meist völlig ignoriert wird, dass Walter Benjamin, der der Prognose zu dieser Entwicklung zustimmte, zu einem durchaus positiven Urteil kam. Manche bezeichnen ihn daher (zurecht) als den Utopisten der Frankfurter Schule, um ihn von den Apokalyptikern abzusetzen.
Also, was die Konsequenz der Verschmelzung von Kunst und Leben angeht, so ruft dies eine Paradoxie - eine Aporie - hervor. Die Kunst als Differenz zum Leben verschwindet, aber auf welche Weise? Bleibt Leben ohne Kunst oder Kunst ohne Leben übrig? Bevor wir uns im auflösbaren Dickicht der Selbstreferenzialität verstricken, sei hier die Anamnese, die geniale Lösung aus dieser Aporie zitiert (Peter Weibel in einem Interview von Ulrike Knöfel übertitelt “Das neue Leben vor dem Tod” im Spiegel 8/2007 pp. 156-157):
“Das Wort Revolution ist abgenutzt, aber in diesem Fall [Second Life] wäre es angebracht. … Das hat es vorher so nicht gegeben. Kunst und Leben werden eins.”
Wie sieht es aber mit dem Dilemma aus?
“Das ist eben keine Alternativ- sondern eine Parallelwelt. […] Ich tausche mein reales, fremdbestimmtes Leben gegen ein anderes aus, das ich selbst entwerfe. Das ist doch eine Menge.”
Das der Austausch des fremdbestimmten durch ein eigenbestimmtes Leben eine Menge ist, dem müsste doch eigentlich sogar Adorno und Genosse Horkheimer beigepflichtet haben. Die Aporie wie in Luft aufgelöst. Wir haben ein Leben, das wir Leben nennen können und ein zweites, das wir Kunst nennen.