Archive for Juli, 2008

Second Life: Die Errettung aus der avantgardistischen Paradoxie

Montag, Juli 28th, 2008

Die derzeitige massive Krise des kapitalistischen Systems, das sich selbst ausbrennt (die Banken geben sich gegenseitig nicht gedeckte Kredite und versichern sich auch noch gegenseitig gegen die damit verbunden Risiken, usw.) würde wahrscheinlich die Väter der kritischen Theorie (die gemäß “Bildung. Alles was man wissen muss” von Dietrich Schwanitz “mega out” ist) zur neuen Hochform auflaufen lassen. Leider reißen die Monetaristen die Gesellschaft zwar mit ins Grab, möglicherweise würde Adorno und Horkheimer aber ein “Bätsch, wir wußten es doch schon immer” entfleuchen.

Aber das soll nicht mein jetziges Thema sein. Es ist vielmehr die avantgardistische Forderung der Kunst, sich in das Leben einzuschreiben, ja das Leben selbst zu werden. Nun sind die Zeitungen voll von nahezu apokalyptischen Meldungen, dass das Leben nur noch aus Show besteht (”Die Zeit” dieser Woche). Kunst und Marketing ist (wie von der Frankfurter Schule in apokalyptischer Weise vorhergesagt wurde) weitgehend ununterscheidbar geworden, mit dem durchaus beachtenswerten Vorteil, dass die Werbung ziemlich kreativ geworden ist. Zwischen Guerilla-Marketing/viral marketing auf der einen und Guerilla-Kunst/Aktionismus/Hacktivismus/Netzkunst auf der anderen Seite unterscheiden die meisten Marketing-AgentInnen kaum noch, aber auch zunehmend weniger KünstlerInnen. Ich habe einige Beipiele für diese Entwicklung, die ja ebenfalls von der Frankfurter Schule nahezu genau so vorhergesagt wurde, in früheren Postings in diesem Blog thematisiert, auch die Probleme der ontologischen Indifferenz, die eine Verschmelzung von Kunst und Wissenschaft mit sich bringen kann.

Ich erinnere an dieser Stelle an die Tatsache, die bei der Beurteilung der Frankfurter Schule meist völlig ignoriert wird, dass Walter Benjamin, der der Prognose zu dieser Entwicklung zustimmte, zu einem durchaus positiven Urteil kam. Manche bezeichnen ihn daher (zurecht) als den Utopisten der Frankfurter Schule, um ihn von den Apokalyptikern abzusetzen.

Also, was die Konsequenz der Verschmelzung von Kunst und Leben angeht, so ruft dies eine Paradoxie - eine Aporie - hervor. Die Kunst als Differenz zum Leben verschwindet, aber auf welche Weise? Bleibt Leben ohne Kunst oder Kunst ohne Leben übrig? Bevor wir uns im auflösbaren Dickicht der Selbstreferenzialität verstricken, sei hier die Anamnese, die geniale Lösung aus dieser Aporie zitiert (Peter Weibel in einem Interview von Ulrike Knöfel übertitelt “Das neue Leben vor dem Tod” im Spiegel 8/2007 pp. 156-157):

“Das Wort Revolution ist abgenutzt, aber in diesem Fall [Second Life] wäre es angebracht. … Das hat es vorher so nicht gegeben. Kunst und Leben werden eins.”

Wie sieht es aber mit dem Dilemma aus?

“Das ist eben keine Alternativ- sondern eine Parallelwelt. […] Ich tausche mein reales, fremdbestimmtes Leben gegen ein anderes aus, das ich selbst entwerfe. Das ist doch eine Menge.”

Das der Austausch des fremdbestimmten durch ein eigenbestimmtes Leben eine Menge ist, dem müsste doch eigentlich sogar Adorno und Genosse Horkheimer beigepflichtet haben. Die Aporie wie in Luft aufgelöst. Wir haben ein Leben, das wir Leben nennen können und ein zweites, das wir Kunst nennen.

Abermals neuer Projektraum in Berlin

Sonntag, Juli 27th, 2008

Es ist schon faszinierend, was in Berlin alles geht. Schon wieder eröffnet ein neuer Projektraum, der u.a. zum Brückenschlagen zwischen Kunst und Wissenschaft animiert. Die “Gas-Station, eine Tankstelle für Kunst und Impuls” fordert für ihre erste Ausstellung unter dem Motto “eMotion - Bewegung und Emotion” Künstler sowie Theoretiker zur Bewerbung mit Kunst- und Diskursbeiträgen auf. Bewerben kann man sich bis Ende August 2008.

Mythen und Legenden im Internet

Donnerstag, Juli 24th, 2008

Dr. Grether’s website zur Netzwissenschaft ist leer, bis auf die Abschiedsworte

“abandoning the internet in 2003 and the cell phone network in 2006 my netzwissenschaft link page is completely out of date. it’s time to bid farewell. “

Wenn das nicht Stoff für Mythenbildung und Legenden liefert …

Netzkunst-Historiker werden in Tränen ausbrechen, aber was hilft’s: The Times They Are a-Changin’

cybernetic serendipity, virales marketing und netzkunst

Sonntag, Juli 20th, 2008

Serendipity sind die glücklichen Zufälle, Kybernetik die Steuerung, cybernetic serendipity also das gesteuerte Glück. Und was der einen Glück, ist des anderen Unglück, also im Falle des gesteuerten Unglücks cybernetic conspiracy - die Verschwörung. 1968 kuratierte Jasia Reichardt die Ausstellung cybernetic serendipity, die einen so bleibenden Eindruck hinterlies, dass sie in gewisser Hinsicht selbst als Kunstwerk betrachtet werden kann. Ein glücklicher Zufall nicht nur für alle beteiligten Künstler, die fortan als Pioniere der kybernetischen Kunst galten.

Etwa zur selben Zeit begannen laut Lutz Dammbeck (siehe seinen (künstlerischen?) Dokumentarfilm Das Netz, von ARTE als Roadmovie angekündigt) die CIA mithilfe der Kybernetiker die Gesellschaft, insbesondere die Kunstszene zu steuern. Welche Rolle die Kybernetik dabei spielte ist sicher unscharf, dass die Kunst gesteuert werden sollte, gibt die CIA jedoch selbst zu (siehe den Dokumentarfilm Benutzt und gesteuert - Künstler im Netz der CIA von Hans-Rüdiger Minow, der am 29.11.2006, 20:40 Uhr auf ARTE gesendet wurde), stellt aber angesichts der bekannten Einwirkungen auf die Kunst in allen möglichen hegemonialen Strukturen verschiedenster Intensitäten ja auch gar keine Seltenheit dar. Aber, selbst wenn man sich mit dem Begriff der Kybernetik auf eine Steuertechnologie kapriziert, so lässt der Foucault’sche Begriff der Gouvernementalität für die hegemonialen Steuerfunktionen problemlos zu, Kybernetik darin als technische Hilfmittel einzubetten. Schließlich werden Überwachungstechnologien ja als nichts anderes verkauft, nämlich kybernetische Hilfsmittel der Gouvernementalität. Es sind übrigens wiederum die Künstler, die die Machenschaften beispielsweise der CIA sichtbar machen, wie z.B. Taryn Simon.

In den frühen 1970er Jahren während der Allende-Regierung hat Chile in dem großangelegten kybernetischen Projekt CyberSyn (cybernetic synergy) geplant, von einer Steuerzentrale - genannt ops-room (operations room) - aus, das (ökonomische) Glück des Landes zu steuern und logischerweise zu optimieren. Der jähe Tod Allendes verhinderte die Fertigstellung des u.a. von Fernando Flores und Stafford Beer konzipierten und geleiteten Projekts. Dieses Projekt wird seit Kurzem nicht nur wissenschaftlich intensiv untersucht, sondern bietet sich auch als künstlerische Spielwiese (für Kunst, die hier selbst wissenschaftlichen Charakter bekommt) an, sowie als Aufhänger für Festivals zum Thema conspire.

Im Internet wird in gewisser Hinsicht die Steuerzentrale, also der ops-room dezentralisiert. Die Steuerung wird sozusagen auf die Mikroebene verlagert und es kann mehr oder weniger jede daran teilnehmen. Also irgendwie nehmen natürlich alle Internet-User teil - ob als Steuerfrau oder Gesteuerter ist hier die Frage. Alle können versuchen, sich mit Hilfe viralem marketings durch einen Spike oder Hype mit ihren Memen vor dem Hintergrundrauschen des allgemeinen Chatters abzuheben. Das kann man mehr oder weniger professionell mit Monitoringsystemen und Kenntnissen zur Netzwerkdynamik betreiben.

Dass Gesellschaft desingbarer als je zuvor ist, scheint dabei nur wenige zu stören. Die entstandene ontologische Indifferenz durch einen radikalen Konstruktivismus wird als kybernetische Ironie akzeptiert. Die künstlerische Avantgarde fühlt sich zum Konterkarieren und Sprengen der vorgegebenen Grenzen herausgefordert und neuerdings geben Netzaktivisten, die man auch Netzkünstler nennt, zu, nichts anderes als virale Marketeers zu sein. Virales Marketing lebt ja schließlich von den subversiven avantgardistischen Methoden. Lutz Dammbeck diagnostiziert den kybernetisch-künstlerischen Avantgardisten, auf ein Dasein als “kritischer Klassenkaspar” reduziert zu werden und, weil sie die Maschine und deren Codes angefasst haben, schon Teil des Systems zu sein. Die von Nicolas Negroponte 1970 in einer Ausstellung in New York vorgestellte konditionierte Maus im kybernetisch gesteuerten Laufrad (eine kybernetische Installation namens Seek) bekam durch Dammbeck 2007 eine Neuauflage mit der Interpretation Maus = Künstler im Sinne einer Re-Reedukation.

Einige Wenige, wie Lutz Dammback und andere, stört die kybernetische Gouvernementalität natürlich schon und sie wissen doch gleichzeitig, dass sie mit ihrer Kritik die Codes der Maschine anfassen. Es gibt Netzkünstler, die darüber auch verrückt werden und ihre Psychose als Krankheit des Netzes (the bipolar affective disorder that in March 2002 sent him to a mental hospital – is the network’s illness”) erachten. Den Verdacht, dass es sich bei dieser “deformation professionelle” aber um einen “next level media hack” handelt, also gefakte Aktionen, die nie sattfanden, nähren die Künstler selbst im Hinweis darauf, dass (in anderen Fällen ihrer Netzkunst) durchaus diese Methode Anwendung fand. Wieder andere Netzkünstler identifizieren (jedenfalls ihre) Netzkunst ohnehin mit viralem marketing (=Methode des Guerilla Marketings): “… wenn man Guerilla Marketing als Kunst sieht, den von Werbung übersättigten Konsumenten, größtmögliche Aufmerksamkeit durch unkonventionelles beziehungsweise originelles Marketing zu entlocken, dann haben wir tatsächlich auch Guerilla Marketing betrieben.” Möglichweise gibt es eine mit Hilfe von Google und sonstigen data mining Instrumenten berechenbare signifikante Korrelation zur Ermittlung eines Scores für den Fakegehalt. Eine neue künstlerische Arbeit kann vielleicht dienlich sein: Das Serendipity Project von Eva Feldmann, die eine Suchmaschine für den glücklichen Zufall programmiert hat. Vielleicht eine Hoffnung, nicht in einen kulturellen Generalpessimismus verfallen zu müssen. Diese Suchmaschine stellt Korrelationen her, man muss halt bereit sein, diese als kausale Zusammenhänge zu interpretieren. Es gibt genügend viele gut ausgebildete Statistiker, die das tun, dann muss man es Netzkünstlern - oops: viralen Marketeers natürlich - allemal zugestehen und erst recht den sonstigen Pavlowschen Mäusen im Laufrad des Internet-Getriebes.