Was den Titel “Wahrheit und Methode” des epochale Werkes von Gadamer angeht, so wird gelegentlich mit einer Prise Humor behauptet, dass er eigentlich hätte “Wahrheit oder Methode” lauten sollen, um dem Inhalt gerecht zu werden. Wäre dieser Titel aber tatsächlich gewählt worden, so wäre auch eine Unversöhnlichkeit von Hermeneutik und Naturwissenschaft suggeriert worden, die ganz sicher ebenfalls nicht intendiert war. Nun hat sich “Kunst und Wissenschaft” mittlerweile als Titel eines Programms etabliert, zwischen diesen beiden Kulturen zu vermitteln. Wäre nicht auch hier “Kunst oder Wissenschaft” als Titel angebracht? Natürlich nicht, weil damit fatalerweise eine Unüberbrückbarkeit suggeriert wäre.
Ich selbst widme mich diesem Brückschlag zwischen Kunst und Wissenschaft im Rahmen der performativen Wissenschaft seit einigen Jahren. Die Metapher des Brückenschlags habe ich dabei mit Bedacht gewählt, um eben nicht die Vereinigung zu propagieren, sondern eben die Verhandlung zwischen zwei Welten. Nicht die Austrockung des Flusses zwischen den Welten kann das Ziel sein, sondern eben der Brückenbau.
Kunst und Wissenschaft ist nun erfreulicherweise als Titel des neuesten monatlichen Newsletters der EU-Kommission Forschung gewählt worden. In dieser Ausgabe werden Beispiele für Brückenbauten und diverse Programme vorgestellt, die erahnen lassen, in welche Richtung es gehen kann. Es sind Diskursbeiträge, die auch als solche verstanden werden sollten und ruhig Anlass für kontroverse Diskussion liefern sollen. So verstanden ist an dem Newsletter wirklich nur ein Mangel anzuführen, nämlich der Untertitel “Creative Fusion”. Damit ist meines Erachtens eine wechselseitige Vereinnahmung und damit Ausdünnung suggeriert, um die es nicht gehen kann und soll. Beißen wir uns aber nicht am Titel der Broschüre fest, deren Erscheinen ich wirklich sehr begrüße und hoffe, dass sie zum regen Gebrauch der Brücke Anlass geben mag.