Ingrid Wieners subjektive Wahrscheinlichkeiten
Montag, März 24th, 2008Oder: Der Turing-Test
Obwohl die Einführung von bedingten Wahrscheinlichkeiten durch den britischen Geistlichen und Mathematiker Reverend Thomas Bayes erst posthum veröffentlicht wurde, fand das nun nach ihm benannte statistische Verfahren, das Bayessche Rückschlußprinzip, recht schnell Einzug in die Beschreibung von Entscheidungsproblemen, insbesondere der medizinischen Diagnostik. Die bedingten Wahrscheinlichkeiten können in den Fällen menschlicher Entscheidungen als subjektive Wahrscheinlichkeiten interpretiert werden. In einer einfachen und nur binären Entscheidungssituation liegt ein Messergebnis vor, mit dem die Gültigkeit einer bestimmten Hypothese überprüft werden soll, beispielsweise das Ergebnis eines Tests auf Lungenkrebs. Da solche Tests mit einer gewissen Häufigkeit falsche Ergebnisse liefern, also entweder falsch-positive (fälschlich detektierter Lungenkrebs bei einem Gesunden) oder falsch-negative (der Test übersieht die tatsächlich vorliegende Krankheit) Ergebnisse, sollte die Ärztin ihren gesunden Menschenverstand walten lassen und diesen durch zusätzliche Überlegungen schärfen. Sie weiß z.B. durch die Befragung des Patienten, dass er starker Raucher ist und gewichtet damit das Ergebnis anders als bei der Bewertung eines jungen Menschen der Sport treibt. In der Medizin hat dies einen Namen: Anamnese. In dieses, auf der platonischen Philosophie fußende Konzept, das soviel heißt wie die in einer Amnesie (amnesia) befindlichen Wahrheit aufzuwecken oder zu entbergen (an-amnesia), fließen subjektive Vorkenntnisse, oder anders ausgedückt, Vorurteile in die Bewertung ein. In der Statistik behaupten die so genannten “Bayesianer” daher im Unterschied zu den “Frequentisten”, dass sie zwar nicht die besseren Menschen, aber die besseren Statistiker seien, da sie das Vorwissen nicht wegschmeißen.
Meistens ist in der Medizin die “Messung” selbst begleitet durch einen kognitiven Prozess bzw. eine Interpretation. Nehmen wir als Beispiel ein Röntgenbild. Die Aufnahme selbst sagt nicht “krank oder nicht krank”, sondern sie muss von der Ärztin interpretiert werden. Die Ärztin wird grundsätzlich mit ihrer Interpretation Teil des Messverfahrens. Es wundert daher kaum noch, dass das Verfahren im Zuge der Entwicklung von künstlicher Intelligenz und kybernetischen Verfahren bei der Adaptation von Bots (eine auf die Benutzer-Wünsche adaptierende Software, die für den Benutzer entscheiden und agieren kann) herangezogen wird, um gewissermaßen subjektive Glaubwürdigkeitsgrade zu objektivieren. Michael Lynch, der Entwickler der Software Autonomy, die für data mining, Datenorganisation und als Teil von Überwachungsalgorithmen benutzt wird, redet von einer (in Bezug auf Bayes) 250 Jahre verspäteten Entdeckung des Paradieses, da das Verfahren nun das Orakel der Zukunft darstellt. Zumindest als Spam-Filter, das unsere Wünsche antizipiert, benutzt es so gut wie jeder von uns täglich. Gehirnwissenschafler gehen so weit, dass sie von einem im Gehirn ablaufenden Bayes-Algorithmus reden, der gestatten würde, den hermeneutischen Zirkel zu operationalisieren. Der subjektive Interpretationsvorgang und ästhetisches Empfinden ist daher als Formel beschreibbar, was bekanntlich zuerst George Birkhoff 1933 in seinem Buch “Aesthetic Measure” und später Max Bense in seiner Informationsästhetik in den 1960er Jahren bereits behauptet haben.
Neben ein wenig Eigenwerbung für meine Aufsätze (z.B. Hans H. Diebner: Bilder sind komplexe Systeme und deren Interpretationen noch viel komplexer: Über die Verwandtschaft von Hermeneutik und Systemtheorie. In: Inge Hinterwaldner und Markus Buschhaus (Hrsg.): The Picture’s Image. Wissenschaftliche Visualisierung als Komposit. Fink-Verlag, München, 2006, pp. 282-299.), in denen ich den durch das Bayessche Verfahren einsetzenden Verdinglichungsprozess diskutiere, hat mich zur Verfassung dieses blog posts über die faszinierenden Arbeiten von Ingrid Wiener veranlasst. Ich bin ja gerne ein wenig “meta” und frage mich, wie mein Bayesianischer Homunkulus in meinem Gehirn wohl dazu kommt, einige Neuronen als Response auf die Wiener-Bayesianischen Werke spiken zu lassen. Die subjektiven Arbeiten zu den subjektiven Wahrscheinlichkeiten sind einfach grandios und mehr gibt’s an dieser Stelle erst mal nicht zu sagen. Ein wenig Anamnese sollten Sie dann schon auch selbst betreiben. Auf Bayes komme ich ohnehin immer wieder gerne zurück.