Chaos zügeln
Dienstag, März 4th, 2008Am 11.3.2008 wollen wir in unserer “unplugged heads” Veranstaltung am Institut für Neue Medien in die Chaosforschung einführen und vor allem die neuen Erkenntnisse vorstellen, die sich hinter dem Begriff “harnessing chaos” und “performativer Wissenschaft” verbergen.
“Harnessing Chaos” lautete der Titel einer Konferenz im Jahre 1994 in Japan. Man könnte diesen Begriff mit “Nutzbarmachung von Chaos”, aber auch mit “zügeln von Chaos” übersetzten. Was diese Übersetzungen leider nicht richtig wiederspiegeln, ist ein mit diesem Begriff verbundenes neues Denken, dass im Umgang mit komplexen Systemen von zunehmend mehr Wissenschaftlern propagierte wird. Vermutlich weiß nur ein Reiter sofort, wovon hier die Rede ist. Um die Eigenheiten eines Pferdes beim Ausritt in den Griff zu bekommen, muss der Reiter das Pferd kennen und auf es eingehen können. Nur bedingt lässt sich objektivieren, wie ein Pferd zu zügeln ist. Das gilt auch allgemein für chaotische Systeme. Ein Großteil der Kontrolle ergibt sich interaktiv bzw. performativ, also durch die konkrete prozessuale Auseinandersetzung. Der Mensch, der ein komplexes “System” steuern und regeln will, ist selbst Teil des Systems, was bei traditionellen Vorgehensweisen der Systemkontrolle leider nicht berücksichtig wird. Zunehmend erkennt man aber in der Wissenschaft, dass ohne die körperliche und mentale Beteiligung der Menschen zu berücksichtigen, komplexe Systeme nicht adäquat beschrieben werden. Die “performative Wissenschaft” argumentiert, dass auch beim wissenschaftlichen Prozess des Erkenntnisgewinns die Involviertheit des Forschers eine Rolle spielt. Das ist zwar nicht so neu, aber leider spielt diese Einseicht bislang keine Rolle in der Methodik. “Performative Wissenschaft” versucht diese interaktive Rolle auch in der Methodik der Wissenschaft zu verankern. Gerade in der Chaosforschung ist dies fast unerlässlich, da streng mathematische Untersuchungen wegen der Komplexität kaum noch möglich sind. Chaos spielt eine so bedeutsame Rolle in unserem Leben, dass die Rechnung im wahrsten Sinne des Wortes nicht ohne den Menschen gemacht werden sollte. Vor allem aber bedeutet Chaos meist nichts schlimmes, sondern im Gegenteil, Chaos hat mit systemischen Freiheitsgraden, man kann sogar fast sagen, mit “Kreativität” zu tun. Die Volksweisheit “kreatives Chaos” ist nicht ganz von der Hand zu weisen.
Ich möchte Sie herzlich zu dem Vortrag mit anschließendem Diskurs
“Chaotische Dynamik: Der Rhythmus des Lebens“
von Kazuhiro Matsumoto und Hans H. Diebner
am 11. März 2008
um 18:00 Uhr
am INM-Institut für Neue Medien, Frankfurt am Main
einladen. Ich bitte zu beachten, dass der Vortrag aufgrund der Teilnahme unseres Gastwissenschaftlers aus Japan, Kazuhiro Matsumoto, auf Englisch abgehalten wird. Matsumoto ist frisch promovierter Ingenieur und wird in Kürze bei dem bekannten Motorradhersteller Yamaha in der Entwicklungsabteilung die neuen Erkenntnisse praktisch umsetzen.