Archive for Dezember, 2007

Informationsgesellschaft = Nicht-Wissensgesellschaft

Sonntag, Dezember 9th, 2007

Am Dienstag, den 11.12.2007 gibt es die nächste Sitzung der unplugged heads 2.0 am Institut für Neue Medien in Frankfurt. Frau Brigitte Nottebohm, Bibliothek Fachhochschule Frankfurt, spricht über “Informationsgesellschaft = Nicht-Wissensgesellschaft”. Die Sitzung wird moderiert von Prof. Gerd Döben-Henisch.

Zum Thema:
Alle reden von der Informationsgesellschaft, und zu Recht. Die Durchdringung unserer Lebenswelt mit informationsverarbeitender Technologie hat einen historisch einmaligen Durchdringungsgrad erreicht. Nahezu jeder ‘Winkel’ ist mittlerweile auf irgendeine Weise mit eingebetteten Systemen, mobilen Endgeräten, PCs, Netzwerken und dem Internet so durchsetzt ist, dass man zu jedem Zeitpunkt von überall nach überall Informationen austauschen kann. Gleichzeitig bieten vielen Milliarden Webseiten Informationen aus allen Lebensbereichen an. Die Informationsgesellschaft explodiert.

Aus Sicht des einzelnen Menschen ergibt sich aber die paradoxe Situation, dass die individuelle Fähigkeit, Wissen zu erwerben, sehr begrenzt ist. Die biologisch vorgegebenen engen Verarbeitungskapazitäten beschränken die Menge und die Qualität des individuell verfügbaren Wissens. Verglichen mit der Explosion der verfügbaren Informationen im technologischen Informationsraum stagniert das Wissen des einzelnen auf niedrigstem Niveau. Die Diskrepanz zwischen individuell möglichem Wissen und objektiv verfügbarem Wissen vergrössert sich minütlich. Ist dies ein normaler Zustand oder deutet sich hier das Ende einer wissensbasierten Kultur an?
Versagen die klassischen Kulturtechniken im Umgang mit dem Wissen? Brauchen wir noch Bibliotheken oder w i e brauchen wir sie?

Wenn Bibliotheken “Gedächtnisse der Menschheit” sind, welche Fragen und Aufgaben stellen sich jenen, die als VermittlerInnen darin arbeiten? Was bedeutet es in der Organisationsphilosophie einer Bibliotheksleiterin/einer Bibliothek, innerhalb eines explodierenden Wissensszenarios “Ariadne” zu sein? Welche konkreten roten Fäden - sprich: welche Instrumente und Services - können Bibliotheken jenen bieten, die sie (nicht/noch nicht) benutzen? Wie sieht all dies im Alltag einer Hochschulbibliothek aus - z.B. in dem der Fachhochschule Frankfurt a.M.?

CERN LHC mini black holes - Verschwörung

Freitag, Dezember 7th, 2007

Bei dem mehrmals aufgeschobenen und jetzt für das Frühjahr 2008 angekündigten LHC-Experiment am CERN wird mit Superlativen und großen Worten nicht gespart. Mit dem Large Hadron Collider (LHC) sollen “Gott-Partikel” nachgewiesen werden - ein Terminus, der dem teurersten Experiment aller Zeiten irgendwie gerecht wird. Es geht also darum, den Ursprung des Universums - vom letzten Geheimnis der Physik ist die Rede - zu erklären. Bei “letzten Geheimnissen” fallen einem natürlich fast spontan all die in der Literatur anführten Geister, die man dabei heraufbeschwört, ein.

Bei einem derart gehypten Experiment gehen logischerweise Bedenken jeglicher Art ziemlich unter. Allerdings beunruhigt die bisweilen eher als Entertainment (z.B. The LHC– the end of the world again? oder Help, there’s a black hole in my lab!) gestaltete Art der Warnung vor einem “Super-Super-Gau” - ein Verschlingen der Erde durch im Experiment produzierte schwarze Löcher - schon ziemlich. Da gibt es nämlich (vermutlich zunächst durch BBC Horizon anhand eines früheren Experiments in NY in die Medienkanäle gebracht) ein Szenario, bei dem durch die unvorstellbar energiereiche Kollision der Protonen nicht nur Higgs-Teilchen, sondern mit gewisser Wahrscheinlichkeit “mini black holes” produziert werden. Diese verdampfen mit gewisser Wahrscheinlichkeit (nach einer Berechnung von Stephen Hawking) oder sie entfliehen wegen ihrer hohen Fluchgeschwindigkeit bzw. wegen ihrer fast vernachlässigbaren Wechselwirkung dem Einzugsbereich der Erde oder aber - mit gewisser Wahrscheinlichkeit - werden sie durch die Gravitation ins Erdinnere gezogen und kumulieren dort zu einem für die Erde bedrohlichen, gar nicht mehr so “Mini” schwarzen Loch. Vom Verschlingen der Erde ist die Rede! Es soll eine Stellungnahme der beteiligten Physiker geben, dass selbst bei ungünstigster Kumulation jeweils sehr unwahrscheinlicher Einzelereignisse, ein Anwachsen des scharzen Loches auf eine für die Erde bedrohliche Größe etwa 50 Million Jahre (logischerweise im statistischen Mittel) dauern würde, weshalb Bedenken zerstreut werden.

Nun hört sich das alles zugegebenermaßen nach Hollywood und Science Fiction an. An dieser Bewertung sind meiner bescheidenen Meinung nach die jüngst ins uferlos wachsenden Phantasien der Physiker selbst beteiligt. Und, wie gesagt, die Aufmachungen und Foren, in denen diese Meldungen auftauchen, lassen die Sache eher albern erscheinen. Es geht einem allerdings als verantwortungsbewusster Bürger so mancher Gedanke durch den Kopf. Nach welchen Mechanismen funktioniert eigentlich das Nachgehen einer nahezu als unwahrscheinlich eingestuften Ereignisses? Man wird die Reaktion darauf wohl an das zu erwartende (wenn auch unwahrscheinliche) Zerstörungspotential knüpfen. Oder etwa nicht? Ein sehr übler Jugendscherz, dass ein Amoklauf auf eine Schule geplant ist, veranlasst die Behörden, Hundertschaften von Polizisten auf den Plan zu rufen und die Schule tagelang zu schließen. Natürlich geht es bei Amokläufen nicht um fundierte physikalische Theorien, bestenfalls um Gehirntheorien. Higgs und die Gott-Teilchen sind natürlich über jeglichen Zweifel erhaben. Oder? Wenn aber einige CERN-Physiker behaupten, dass sie ohnehin von einer Widerlegung der theoretischen Ansätze ausgehen und dann die Sache erst richtig spannend würde, hinkt der Vergleich schon viel weniger. Zudem weiß ein jeder Wissenschaftstheoretiker, dass es auch in der “harten” Wissenschaft letztlich um Durchsetzung von auf “Glaubwürdigkeitsgraden” beruhenden Hypothesen geht. Nicht nur eine bestimmte Theorie liefert eine Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Ereignis, auch die Theorie selbst ist nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit richtig. Die Klima-Katastrophe bietet ein interessantes neues Forschungsfeld, wie solche Mechanismen funktionieren.

Da das zu erwartende schlimmste Ereignis im HLC-Falle der Untergang der Erde ist, kann hier die Unbekümmertheit wohl nicht daraus resultieren. Welche Mechanismen sind es also? Die Unglaubwürdigkeit der Personen, die diese Bedenken äußern? Die Unmöglichkeit, das teuerste Experiment aus Gründen des Gesichtsverlustes zu stoppen? Immerhin gibt es Forscher, deren Artikel zu einschlägigen Berechnungen des CERN-Experimentes von “peer reviewers” abgelehnt wurden. Frage: Geht bei der Entscheidung für das Ablehnen von Beiträgen nur das Urteil auf Richtigkeit des Beitrags ein oder auch die mögliche Konsequenz, was eine Ablehung im Falle eines falschen Urteils bedeuten würde? Immerhin, eine solche Abwägung wird von jedem Arzt hinsichtlich seiner Diagnose verlangt. Er riskiert seine Reputation, wenn er die Überlegung nicht anstellt. Spielt womöglich die Angst davor eine Rolle, nochmals einen “Fleischmann/Pons-Fall” zu generieren?

Ist sowieso alles nur Verschwörung? Oder ein um 8 Jahre verspätetes “Fin de siècle”? Ich schließe aus den Hypothesen, dass LHC unsere Energieprobleme lösen, aber dass auch die Erde dabei drauf gehen könnte, dass sich die Klimakatastrophe so oder so bald erledigt hat.