Archive for August, 2007

SIS.TMisches Denken

Samstag, August 25th, 2007

Mit dem Untertitel “Brutstätten eines ernsthaften gesellschaftlichen Problems” drückt Dominique von Burg im soben erschienenen Kunst-Bulletin (Sept. 2007, Seiten 24-29) in noch drastischerer Form eine Kritik aus, die ich zumindest in Bezug auf die angebliche demokratisierende Wirkung des Internets nicht nur hier in diesem Publikationsorgan wiederholt geäußert habe. Neben den Problemen (ausgedrückt in meinen Worten) des viralen marketings, dem sich auch manche Künstler verschreiben, sowie Problemen der Selbstreferentialität (kybernetische Ironie), thematisiert von Burg das ausufernde Problem der Internetpornographie. Die Auswirkungen des Systems würde ich Verdinglichung nennen, aber auch vor einer Pauschalisierung warnen. Ich selbst nutze dieses Medium quasi als Selbstverlag. Von Burg scheut sich nicht, bei einigen Beobachtungen in der Blogosphäre von Realitätsverlust zu sprechen. Angesichts der systemischen Ein- und Unterordnung vieler Künstler ins System Internet ist sehr zu begrüßen, dass endlich jemand das Problem im Kunstkontext diskutiert. Von Burg schreibt, “Wenn auch die Gruppe der Netzkünstler zunehmend wächst, scheinen diese mehrheitlich das Medium zu feiern oder rein technisch zu erkunden.” Ich teile diese Ansicht und natürlich die Freude Dominique von Burgs, dass der Künstler SIS.TM aka Sis Taggman dieses systemische Verdinglichungsproblem losgelöst von der vorherrschenden Selbstreferentialität des Internets angeht und seine Arbeiten demnächst in einer Reihe von Ausstellungen zeigt. Obwohl ich die Arbeiten (noch) nicht kenne, scheinen sie aufgrund des Beitrags von von Burg ein Empfehlung wert zu sein. Siehe SIS.TM.

Visual Music Award

Donnerstag, August 23rd, 2007

Für die Augenmusiker unter Euch: Der Visual Music Award könnte eine Einreichung wert sein!

Feldstudien in Berlin

Donnerstag, August 23rd, 2007

Naja, noch immer fließt die Info etwas spärlich zu dem im letzten blog erwähnten Field Projektraum in Berlin. Immerhin ist jetzt eine Ausstellung/Performance „REICH UND SCHÖN MÜSSEN LEIDER DRAUSSEN BLEIBEN“ (Vernissage: 26. September 2007) angekündigt, die sich wirklich nicht schlecht anhört. Die Audio-Taktile-Installation von Lynn Pook kenne ich und kann ich nur wärmsten empfehlen. Da geht der sound buchstäblich unter die Haut.

Projektraum für performative Wissenschaft

Montag, August 20th, 2007

FIELD ist ein von drei Kuratoren geführter Projektraum in dem sich thematisch alles um den menschlichen Körper dreht. […] So versteht sich FIELD als Mittler zwischen Kunst, Wissenschaft, Körperpraxis und Öffentlichkeit.

Das hört sich doch an, wie ein Projektraum für “Performative Wissenchaft”?! In Berlin. Da darf man sehr gespannt sein! Leider ist die Info spärlich und ruft nach Mehr!

Bilderchaos

Samstag, August 18th, 2007

“Im Falle von Chaos sind alle Bilder Lüge”. Diese Teilüberschrift wählte Axel Brügge 1993 in seiner 3-teiligen Spiegel-Serie1 über die Fragwürdigkeit der Chaosforschung, in der er zahlreiche massive Kritiker der noch jungen Disziplin interviewte und zu einer harschen Polemik ausholen lies. Einer von ihnen formulierte sogar: “Ich glaube Chaos existiert gar nicht”. Diese Aussage der Spiegel-Serie ereilte mich mitten in meiner Promotion bei einem der Chaos-Pioniere, Otto E. Rössler, der selbst einen Attraktor dieser Angriffswelle darstellte. Die Hauptangriffe galten allerdings Heinz-Otto Peitgen, der mit dem Buch “The Beauty of Fractals”2 mit allerlei suggestiv wirkender, blumenkohl- und farnartiger Gebilde aus dem Computer für den Geschmack zahlreicher “harter” Wissenschaftler wohl übers “objektive” Ziel hinaus schoss.

 

Neben den rein illustrativen und sehr suggestiven Bildern versuchte Peitgen aber in dem Buch mit einigen weiteren, eher unspektakulär aussehenden Bildern die Existenz von Chaos zu belegen. Für die Spiegel-Reihe hat ein Karlsruher Mathematiker aber die im Buch dargestellte, angeblich chaotische Bahn eines Systems nochmals nachgerechnet und kommt zu einer Graphik, die eine völlig regelmäßige Trajektorie zeigt. Peitgen kam arg in die Bredouille, da er angeblich das zugrunde liegende Programm gelöscht hatte. Die Angriffe müssen allerdings auch im Lichte der ohnehin durch die Chaosforschung gefährdeten Paradigmen der Naturwissenschaften gesehen werden, denn zeitgleich wurde der Nobelpreisträger Ilya Prigogine von Jean Bricmont auf eine selten heftige Weise attackiert3. Wie nur wenige wissen, ging diese polemische Auseinandersetzung der so genannten Sokal-Affäre, sowie dem Buch “Eleganter Unsinn” von Sokal und Bricmont voraus4. Diese Debatte und die Diskussion um die Bilder stehen meines Erachtens in engem Zusammenhang.

Etwa zur gleichen Zeit publizierte ein anderer bedeutender Chaos-Forscher, Ralph Abraham, zusammen mit einem Künstler und Designer, ein 3-teiliges Bilder-Lehrbuch für dynamische Systeme. Es enthielt keine Formeln und versuchte, bildlich in die komplexen Strukturen der nichtlinearen dynamischen Systeme einzuführen. Es wird berichtet, dass diese Buchreihe ein Flop wurde und etwas verzögert lediglich einige Bildwissenschaftler zu interessieren begann. Ich selbst war bei Otto Rössler sehr “visuell” erzogen worden und genoss dieses grandiose Werk. Immerhin wurden auch Rösslers Stereobilder, die übrigens bereits Ramon Cajal zur Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert verwendete, von sehr vielen anderen Chaosforschern übernommen, so dass in einschlägigen Fachpublikationen in den 80er und 90er häufig alle möglichen Attraktoren in dieser “erotischen” Darstellung zu sehen waren. Rössler verwendete aber auch außergewöhnliche Skizzen für seine Argumentation und ermutigte selbst die “mathematischten” aller theoretischen Physiker auf diesem Gebiet zur häufigeren Verwendung von Bildern für Eigenschaften der chaotischen Systeme, die kaum oder bisweilen gar nicht mehr rein verbal/mathematisch auszudrücken waren.

Der kurze Schock in der deutschen Chaos-Forschungsgemeinschaft, ausgelöst durch die Spiegel-Reihe, wurde meines Wissens im Ausland kaum spürbar. Im Gegenteil, es wurden immer mehr Fach-Journals gegründet, die ohne Bilder überhaupt nicht vorstellbar wären. In meinem eigenen Umfeld fingen einige Physiker an, mit Künstlern bzw. im künstlerischen Umfeld zu operieren. Im Jahre 1992 wurde mit Otto Rössler und weiteren Physikern die ars electronica unter dem Motto “endo und nano”5 veranstaltet, die der Auslöser für mein später am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe begonnenes und nun am INM fortgeführtes Forschungsprogramm “performative Wissenschaft” war6. Einerseits ist innerhalb der Komplexitätsforschung ein Verzicht auf visualisierte Simulationen gar nicht denkbar, aber die Forderung, ereignisbasierte Installationen zum wissenschaftlichen Ergebnis einer Forschung zu betrachten, wird tatsächlich fast nur im medien-, kunst- und bildtheoretischen Kontext rezipiert.

Als Manager der Kategorie “Kunst und Wissenschaft” im Online MARCEL-Netzwerk7 kann ich von einer wachsenden Gemeinschaft von Naturwissenschaftlern berichten, die sich mit “endophysikalischen”, d.h. dezidiert subjektiven und für die harte Fraktion unerhört nicht exakt wiederholbaren, performativen Methoden auseinander setzen. Es bilden sich zunehmend mehr Fachbereiche innerhalb von Kunst- und Gestaltungsakademien aus, die sich auch einem (natur-) wissenschaftlichen Auftrag verpflichtet sehen. Innerhalb der traditionellen Wissenschaftbetriebe in deutschsprachigen Ländern siedeln sich solche Bereiche bislang aber kaum an, wenn man von wenigen “subversiven Ausreisern” im Bereich “computational physics” absieht. Allerdings lässt sich bei diesem Thema nicht gänzlich vermeiden, die innovativ angelegten Vorstösse in eine sinnlich basierte Methodik unter wissenschaftsoziologischen Gesichtspunkten zu betrachten. Das Spektrum der Bewertungen dieser Interface-Kultur ist breit und im deutschen Raum eher kritisch, während in der tendentiell eher pragmatischen anglo-amerikanischen akademischen Landschaft diese Entwicklung eher begrüßt aber inhaltlich auch manchmal verwässert wird. Dies, sowie die eigentümliche Ästhetik-Auffassung der Wissenschaftler, die sich schon deshalb als Künstler vorkommen, weil sie Bilder benutzen, soll aber hier nicht weiter vertieft werden.

Die performative Wissenschaft zeigt trotz aller Kritik Mut zum Sinnlichen. Aus Mangel an so genannten geschlossenen Lösungen nichtlinearer Systeme ist die Komplexitätsforschung auf Simulationen und deren Visualisierungen ohnehin angewiesen. Bildliche Ergebisse sind Bestandteil der Publikationen in diesem Gebiet. Anhand der Publikationen in Fachzeitschriften und der nur im Kunstkontext publizierbaren Ergebnisse, lässt sich zumindest eine vage Vorstellung der de facto existierenden Grenzziehung heraus arbeiten. “Ikonische Beweise” oder “Video-proofs” sind dann in einigen wenigen begutachteten Zeitschriften publizierbar, wenn sie Verallgemeinerungen graphischer Methoden sind, die in traditionellen Anwendungen auch numerisch ausdrückbar sind und in diesen Fällen “nur” aus illustrativen Gründen oder wegen komplexitätsreduzierenden bzw. kognitionsentlastenden Eigenschaften als Diagramm dargestellt wurden. Der entscheidende Punkt ist die vorausgesetzte Invarianz der wissenschaftlich zugelassenen bildlich dargestellten Systeme und der kontingenten Produkte (singulärer Momente) im Kunstkontext, wo sich auch der Anknüpfungspunkt an die Debatte um Ilya Prigogines prozess-basierte (”performative”) Physik ergibt. Die performative Wissenschaft hat sich nun aber, vergleichbar dem Konzept “Kunst als Forschung” von Florian Dombois, vorgenommen, auch zeitbasierte Medien, darunter interaktive Medieninstallation, als Forschungsergebnisse zu erarbeiten. Es scheint sinnfällig, den Begriff des “performative proof” zu generieren.

1Brügge, Peter: Der Kult um das Chaos (I-III), in: Der Spiegel (47, Hefte 39-41) 1993, S. 156-164, S. 232-241 und S. 240-248.
2Heinz-Otto Peitgen and Peter H. Richter: The Beauty of Fractals - Images of Complex Dynamical Systems. Springer, Berlin, 1986.
3Bricmont, Jean: Science of chaos or chaos in science?, in: Physicalia Magazine (17) 1995, S. 159-208. Für eine kritische Diskussion: Diebner, Hans H.: Performative Wissenschaft: Unerforschlich Falsches?, in: Grond, Walter/Mazenauer, Beat (Hgg.): Das Wahre, Falsche, Schöne. Realityshow. Essays, Innsbruck 2005, S. 69-75, bzw. in: http://realityshow.lesenamnetz.org.
4Alan Sokal and Jean Bricmont: Eleganter Unsinn - Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen. DTV, München, 2001.
5Peter Weibel: Endo und Nano. Ars electonica, Linz 1992.
6Hans H. Diebner: Performative Science and Beyond - Involving the Process in Research. Springer, Wien, 2006.
7www.mmmarcel.org

 

Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft: Eine kleine Störungstheorie

Donnerstag, August 16th, 2007

Picki berichtet hier über ihre Erfahrung als Vollzeit-Business-Stipendiatin an der Akademie Schloss Solitude - in einem Programm, das sich “art, science & business” nennt. Sie vollzog offenbar einen Irritation stiftenden Identitätswechsel. Mein Lehrer Otto E. Rössler brachte mir bei, dass spätestens alle 10 Jahre ein Identitätswechsel notwendig sei. Störungstheorie als Theorie kreativer Prozesse. Martin Heidegger schreibt in seinen phänomenologischen Interpretationen zu Aristoteles: “Die Hermeneutik bewerkstelligt ihre Aufgabe nur auf dem Wege der Destruktion. […] Die Destruktion ist (…) der eigentliche Weg, auf dem sich die Gegenwart in ihren eigenen Grundbewegtheiten begegnen muß, … Die lediglich schon durch den Vollzug der Destruktion entspringenden Kritik gilt dabei nicht der Tatsache, daß wir überhaupt in einer Tradition stehen, sondern dem Wie.” Also, ob ich meinen langjährigen Oszillationsprozess zwischen Wissenschaft und Kunst als Fehler wahrnehme, hängt von den Personen ab, die ich zuletzt zu dieser Angelegenheit sprach. Es lässt sich nicht leugnen, dass es eine wesentlich soziologische Frage ist - mitunter eine Frage der Existenz. Als ich noch den Stallgeruch meiner systemtheoretischen Ursprungsdisziplin vor mich hertrug, war die Welt in gewisser Hinsicht einfacher. Ein folgenschwerer “Fehler”, der mir da unterlief: Kunst erhöht Komplexität.

Performative Wissenschaft bei re:place

Mittwoch, August 15th, 2007

Das phantastische Programm des Symposiums re:place vom 15. - 18. November 2007 in Berlin ist online. Dabei liegt mir natürlich besonders am Herzen, auf den Beitrag zur performativen Wissenschaft hinzuweisen.

Documenta 12 - Auf eigene Gefahr

Dienstag, August 14th, 2007

Documenta 12

Kann mir den Kommentar nicht verkneifen. So gesehen bei der Documenta 12 am 1. August 2007 und festgehalten von Hans

Selbsterfüllend oder Nicht?

Dienstag, August 14th, 2007

In so genannten retroaktiven Systemen - das sind Systeme, deren Komponenten über ihre Modellierung nachdenken und reagieren können, jedenfalls grundsätzlich - sehe ich drei mögliche Konsequenzen, die aus einer brauchbaren Modellierung folgen. Erstens kann die aus dem Modell erfolgende Vorhersage selbsterfüllend wirken, d.h. genau deshalb tatsächlich eintreten, weil es im Modell vorausgesagt wurde. Darüber freut sich dann bisweilen der Modellierer: “Ich hab’s Euch doch gleich gesagt”. Zweitens kann die Prognose deshalb nicht eintreffen, weil sie gemacht wurde. Das gereicht dem Modellierer bisweilen zum Nachteil, weil er mutmaßlicher Dilettant ist. Dabei hat doch gerade der Glaube an das Modell die Vorhersage verhindert. Die Masse aber, das wäre meine Hypothese, schert sich um die Prognose nahezu unabhängig vom konkreten Fall ohnehin kaum. Da wir ein brauchbares Modell voraussetzten, wird sich diese Masse gemäß der Prognose verhalten. Schlussendlich wird sich die Validität des Modells selbst an der Masse messen und im Falle eines Nichtzutreffens der Prognose der Modellierer vielleicht sogar selbst an der Validität des Modell zweifeln, falls er glaubt, dass die Masse sich ohnehin wie die Masse verhält.

In Ökonomie, Ökologie, Marketing, Propaganda und so fort hat man es mit hochgradig retroaktiven Systemen zu tun. Die Masse garantiert zumindest kurzzeitigen Erfolg. Darüber, wie man das Verhalten der Masse in Marketing und Propaganda durch Modelle der viralen Dynamik im Internet modellieren kann, habe ich hier mehrmals berichtet (z.B. hier und hier). Nun kündet heise.de von einer Menschheit auf dem Online-Präsentierteller und untermauert zumindest meinen Verdacht auf eine zunehmende Tendenz zur Verdinglichung. Andererseits bietet gerade das Internet eine Plattform für Einmischung und Subversivität. Subversivität wird Bestandteil des Designs der Gesellschaft, ermöglicht durch die viralen Modelle. Die Konsequenz aus dieser Konvergenz zu erahnen, scheint mir schwierig. Einerseits ergibt sich zunehmend, und zwar vor allem für die Modellierung, eine löbliche Betonung performativer Vorgehensweisen, sprich Methoden, die sich einer physikalischen Ereigniskausalität entziehen, also in diesem Sinne performativ sind - falls man, ähnlich wie beim hermeneutischen Zirkel, hier überhaupt von Methoden reden kann. Andererseits schwebt für mich immer noch Sloterdijks Rede von der kybernetischen Ironie im Raum, die sich eben dann ergibt, wenn man krampfhaft auch für retroaktive Systeme an der physikalischen Ereigniskausalität, sprich an einer propositional verfassten Logik, festhält.

Performative Wissenschaft ist eine Form der Endophysik, d.h., mitunter eine Form der Fundamentalontologie (”In-der-Welt-sein”). Sie ziehlt nicht auf Konsistenz im systemtheoretischen Sinne ab, da der Bruch am (ontisch-ontologischen) Interface geradezu konstituierend für eine kontingente Form des Daseins ist. Die performative Wissenschaft erbt von der Wissenschaft eine operationale Vorgehensweise und ist zugleich prozessual. Sie bedient sich einer “operationalen Hermeneutik”.

come up and see … Institut für Neue Medien

Dienstag, August 14th, 2007

Sommerfest am INM-Institut für Neue Medien Frankfurt - 28. Aug. 2007. Es gibt auch Infos zum Projekt “performative Wissenschaft” am INM.