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Epidemisch-Systemisches Kunst-Denken

Dieser Eintrag stammt von Hans Am 5.7.2007 @ 17:52 In Allgemein | Keine Kommentare

Wiederholt habe ich über die derzeit virulente “[1] virale Dynamik” berichtet. Die Grundidee geht auf Richard Dawkins zurück, der in seinem Bestseller “The selfish gene” aus dem Jahre 1976 die Verallgemeinerung der Genetik auf die Memetik vorschlug. Demnach ist die Kultur in Einheiten, die Meme genannte werden, zerlegbar und darauf eine verallgemeinerte Evolutionstheorie, eben die Memetik, anwendbar. Die Fortpflanzung der Meme geschieht über alle möglichen Medien, aber zu einem enormen Teil über Mundpropaganda. Diese zu verstehen und zu modellieren ist seit einigen Jahren Gegenstand enormer Anstrengungen. Dem Volk auf’s Maul zu schauen war ja schon immer in gewissen Kreisen angestrebt - schließlich handelt es sich um ein Machtinstrument. Hierbei serviert die Blogosphäre die Ausbreitung der Meme gewissermaßen auf dem silbernen Tablett. Vor allem die Alert-Systeme wie RSS und andere Newsfeeds und Tags, sowie immer mehr verfeinerte Text-Mining-Algorithmen ermöglichen Monitoring-Systeme, die virales Marketing, oder allgemeiner, Guerilla-Marketing zu optimieren gestatten. Optimieren in dem Sinne, dass die Streuung von wirksamen Memen nicht nur berechenbar und kontrollierbar wird, sondern nicht mehr als Marketing oder Propaganda wahrgenommen wird. Kunst wird hierbei zunehmend Teil dieser systemischen Strategien. Gelegentlich ist auch innerhalb des Kunstbetriebs explizit von Guerilla-Kunst die Rede (hier mal ein anderes [2] Beispiel).

In gewisser Hinsicht kann diese systemische Einbettung von Kultur als Fortsetzung der Forschungslinie von George Birkhoff über [3] Max Bense und [4] John Casti und Co gesehen werden. Birkhoffs [5] ästhetisches Mass, das er 1933 in seinem Buch “Aesthetic Measure” umfangreich mit zahlreichen Anwendungen beschrieb, fand seine Erweiterung in Benses “Informationsästhetik”. Die Techniken der Komplexitätsforschung erlauben nun auch den Einbezug der Gehirnaktivität, so dass über die Komplexität des EEGs auch der Rezipient nicht mehr zu kurz kommt, d.h., das “ästhetische Maß” nicht mehr nur auf das betrachtete Objekt selbst reduziert ist.

Einen verwandten Zugang zur komplexitätstheoretischen Beschreibung von Ästhetik findet man in der Synergetik. Beispielsweise schlagen Wolfgang Tschacher und [6] Martin Tröndle vor, die konterkarierende und quasi stets als Negativität auftretende (avantgardistische) Kunst als antagonistisches Feedback in ein übergeordnetes System einzubetten, mit dem letztlich die Modellierung von Fortschritt oder gar Kreativität möglich sein soll. (Wolfgang Tschacher und Martin Tröndle: [7] Die Funktionslogik des Kunstsystems: Vorbild für betriebliche Organisation? In: Timo Meynhardt und Ewald J. Brunner (Hrsg.): Selbstorganisation managen. Beiträge zur Synergetik der Organisation. Waxmann, Münster, 2005, pp. 135-152).

Betrachten wir diese Entwicklung aus der Perspektive der Kunst- bzw. Medientheorie und lassen den Philosophen Boris Groys sprechen:

“Since the 1970s we have been living and functioning in a post-revolutionary system of art. According to G.W.H. Hegel (1770–1851), all post-revolutionary societies are characterised by the fact that they prescribe rational goals, procedures and strategies to their members, and demand explanations, justifications and precise plans from them. It is obvious that our present art system functions precisely according to these rules. The claim of a single artist that his or her work is an unpredictable, crative act, seems obsolete, and is not taken seriously by today’s art world.

… it was precisely the radicalisation of the notion of creativity by the revolutionary avant-garde that has historically led to its integration into the ’system’. The avant-garde art saw itself as the embodiment of the pure negativity, as the medium of destruction and annulment of all traditional, mimetic, naturalistic art forms.” (Boris Groys: The Mimesis of Thinking. In: [8] Open Systems - Rethinking Art c.1979. Tate Publishing, London, 2005, pp. 50-63.)

Auf Basis dieser Überlegungen lässt sich ein Mission Statement zur [9] performativen Wissenschaft als Versuch formulieren, die Kunst eben NICHT in Form einer rationalistischen Einbettung in die Wissenschaft zu verstehen, d.h. NICHT aufgrund einer Einbettung in eine propositional verfasste Logik der physikalischen Ereigniskausalität, SONDERN als eine Öffnung des wissenschaftlichen Methodenrepertoirs gegenüber einer performativen Logik, die die Involviertheit des Körpers ernst nimmt. Die Kontigenz des Prozesses ist systemisch nicht erfassbar. Performative Wissenschaft ist meine Auslegung der Endophysik jenseits einer “konsistenten Rationalität” in Form einer “kontingenten Performativität”.


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[1] virale Dynamik: http://performative-science.net/2007/03/10/marketing-als-kunstform-oder-kunst-al
s-form-des-marketings/

[2] Beispiel: http://www.einfallsreich.net/projekte/artvlog.de/?p=79
[3] Max Bense: http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Bense
[4] John Casti: http://www.cortona.ethz.ch/services/program/teachers/jcasti/index
[5] ästhetisches Mass: http://mathematicalpoetry.blogspot.com/2006/09/equation-for-aesthetic-measure-by
.html

[6] Martin Tröndle: http://www.wirtschaftsaesthetik.com/
[7] Die Funktionslogik des Kunstsystems: http://www.waxmann.de/kat/inhalt/1609.pdf
[8] Open Systems: http://www.tate.org.uk/modern/exhibitions/opensystems/wherewebegin.shtm
[9] performativen Wissenschaft: http://performative-wissenschaft.de

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