“Die Technik ist die gegenwärtige Form der Metaphysik. Metaphysische Fragen können nur als technische formuliert werden. Künstliche, also technisch realisierte Human-Intelligenz ist daher die aktuelle Form der Aufklärung als des Weges des Menschen zur Würde.”
Dieses Abstract steht auf der website des Zentrums für künstliche Humanintelligenz. Im Impressum weist sich kein geringerer als der bekannte Gehirnforscher Nils Birbaumer als verantwortlich aus. Das “Zentrum” versteht sich als Teil des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen, dessen Leiter Prof. Birbaumer ist.
Über den Chaosforscher Otto E. Rössler, der von Birbaumer vor einigen Jahren für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde, findet sich eine Biographie. Ein kurzer Auszug als Kostprobe:
“O.E.Rössler vereinigt in seiner Biografie dieses äusserlich wenig ereignisreiche Leben eines elfenbeintürmernen Wissenschaftlers mit dem des Hofnarren, der unbeirrbar Wahrheit redet. Denken und Leben sind bei ihm Eines, nämlich eine Performance. Eine Performance ist ein Ritus, der seine religio sucht. Musste bei P.M.Dirac Mathematik “schön” sein, um wahr sein zu können, so muss sie bei O.E.R. aufregend sein. Video-Künstler lieben ihn. Denn die leicht Verführbaren umschwirren ihn wie Motten das Licht, und wenn sie verbrennen, ja, dafür kann er nicht…”
Kooperationspartner des “Zentrums” ist Prof. Bill Seaman, Videokünstler.
Noch ein weiteres Zitat aus der website:
“Dialog am Rande einer internationalen Tagung über Bewusstsein:
‘What are you up to?’ - ‘Building a conscious computer.’ - ‘What for? I hope you don’t manage.’ “
Zur transhumanen Intelligenz fällt mir die köstliche Geschichte von Otto Rössler ein, nach der es diese, der Menschheit bei weitem überlegene, Intelligenz lange schon gibt. Die Wale. Ja warum sie die Intelligenz denn nicht zeigen würden? Völlig klar, sie sind so intelligent, ihre Intelligenz nicht zu zeigen, weil sie wissen, dass sie dann von Menschen erst recht abgeschlachtet würden.
Also, da fragt mich neulich einer aus dem Auditorium bei einer Diskussion nach einem Vortrag, bei dem ich über die Verdinglichung durch Kybernetik und über die Veräußerung der ethischen Entscheidung an algorithmisch überprüfte Evidenz sprach, ob nicht die maschinelle Entscheidung über eine Kriegsführung und darüber, ob Roboter selbstständig entscheiden sollen, ob sie schießen sollen, nicht eine Auflösung des Prisoner Dilemmas unser ethischen Entscheidung wäre. Einen kurzen Moment war ich sprachlos.
Übrigens, nur so am Rande: Die von mir wirklich sehr hoch geschätzte Netzaktivistengruppe Übermorgen hat in ihrem Projekt “Amazon Noir” einen genialen Hack durchgezogen. Die haben es geschafft, die als zufällige Leseproben einzeln angebotene Seiten von Büchern durch einen intelligenten Algorithmus so effizient abzufragen, dass sie ganze Bücher zusammenstellen konnten und dem p2p-Netz zur Verfügung stellten. Amazon hat den Hack irgenwann bemerkt und Übermorgen unter Druck gesetzt. Die Geschichte ist ausführlich und im Detail auf der website amazon noir dokumentiert. Auch, dass Übermorgen schließlich den Algorithmus an Amazon verkaufte und unterschrieb, dass sie ihn nirgends preisgeben. Auf der website findet sich auch das von Telepolis durchgeführte Interview. Ein Auszug:
–Beginn Interview-Auszug
Bei unseren Projekten geht’s rein ums Experimentieren: Amazon Noir ist kein Statement zum Copyright und schon gar kein Angriff auf den Online-Händler. Da ist keine spezifische Zielsetzung dahinter, das Thema hat sich einfach angeboten. Ich bezeichne das als Freestyle-Grundlagenforschung. Wir bauen ein Setting und beobachten dann, was passiert soziologisch, medial und technologisch. Dabei hatten wir keinen festen Plan für den Ausgang. Der Verkauf hat sich als neue Lösung angeboten, und so haben wir uns zur Einigung mit Amazon entschlossen.
[…] es gibt von Amazon keinerlei Stellungnahme zu dem angeblichen Kauf der Software. De facto könnte die gesamte Aktion auch nicht statt gefunden haben und bloße Inszenierung sein. […] Wäre das nicht der “next Level” im media hacking: Berichterstattung über Aktionen, die überhaupt nie passierten?
Hans Bernhard: Wir haben das natürlich schon gemacht und experimentieren damit; aber bei unseren großen Projekten wie Google Will Eat Itself (13) und Amazon Noir ist es wichtig, dass der technologische Teil funktioniert. […] Wir sind ein relativ faules Pack, und es ist sehr mühsam, wenn man alles erfinden muss!
–Ende Interview-Auszug
Ja, über die virale Werbung (oder virale Kunst) habe ich früher schon genug von mir geben. Die personifizierte Redlichkeit. Altruisten reinsten Wassers.
Achso, zum Schluss lasse ich nochmals das intelligente “Zentrum” sprechen:
“Dies ist der Inhalt der nach dem Verbannungsort des Anaxagoras benannten Utopie ‘Lampsakos:’ Alle sind maximal nett und einfallsreich, alle sind Kinder. Als World Wide Web ist Lampsakos bereits Realität (oder fast).”