Archive for April, 2007

Über die Konvergenz von Kunst und Wissenschaft oder Verdinglichung

Dienstag, April 24th, 2007

Was vor Jahren noch Privileg der Elektronik und Teile der Mechanik war, weitet sich heute immer mehr auf die bisher im spekulativen Sinne modellierten Bereiche aus: Die Wirklichkeit wird zum Designproblem erhoben. Was der Elektronik schon lange gelang, nämlich dass das Modell, d.h. der prototypische Entwurf des Systems, dem realen System bei perfekter Übereinstimmung der dynamischen Eigenschaften vorausging, findet mittlerweile Anwendung auf die Gesellschaft. Die Kybernetik macht Gesellschaftsentwürfe mithilfe von Spieltheorie und soziobiologischen Modellen, die den kategorischen Imperativ utilitaristisch im Sinne einer Optimierungsstrategie des Nutzens in den Entwurf packt. Die Kybernetisierung der Gesellschaft und der daraus erfolgenden radikalen Konstruktion ihrer selbst treibt sie freilich weitgehend in eine Ironie, eine kybernetische Ironie, in der sich ihre Mitglieder nur noch selbstbezüglich in einer Nichtfalsifierbarkeit ihrer Weltentwürfe suhlen. Die Kybernetik dringt dabei immer dichter zum Interface vor und schiebt die Kunst vor sich her, ja läuft zu ihr auf, da letztere bereits mit dem Rücken zur Wand steht. Die Künstler, eigentlich die Spezies, die das Dasein noch kommen liesen, tun sich damit immer schwerer. Sie hängen sich an Fleischerhaken auf - dichter ans Interface geht es kaum noch - designen Neonkaninchen oder Drawbots, d.h. die kybernetischen Künstler der Zukunft (wie Peter Weibel im übrigen schon lange wußte), kurzum: Wissenschaft und Kunst scheint zu konvergieren. Aber auch Kunst und Wirtschaft. Das nach den memetischen Modellen der viralen Ausbreitung von Meinungen und Weltentwürfen funktionierende Guerilla-Marketing ist von Guerilla-Kunst nicht mehr zu unterscheiden. Viel schlimmer aber ist, dass sich ein großer Teil der Kunst auf die Produktion von Spielsachen zurück zieht, wie beispielsweise virtuelle Wesen zum streicheln und damit einen Teil z.B. der Ars Electronica bespielt. Dieses Verschwinden der Grenzen, das uns zu Abnickmaschinen degradiert, ist kein Anliegen der performativen Wissenschaft. Das Gegenteil ist der Fall. Jedenfalls geht sie von der Idee aus, das da draußen auch eine Realität ist, die kontigent ist und die man kommen lassen muß. In Bezug auf diesen Wesenszug versucht sie von der Kunst zu lernen, doch es will ironischerweise scheinen, dass sich die Kunst erst wieder dem Prozess des Daseins zuwenden muss und dabei von der performativen Wissenschaft Anleihen machen muss. Es wird Zeit, dass die Kunst wieder beginnt, am Herauswinden aus der Verdinglichung zu arbeiten und nicht an ihr mitzuwirken.

Eine kleine Anmerkung zum Modellbegriff in Wissenschaft und Kunst

Sonntag, April 1st, 2007

In der Wissenschaft werden Systeme durch Festlegen einer Klasse von Experimenten ihrer Untersuchung zugeführt. Alternativ benutzt man Modelle. Ein Modell des zu untersuchenden Systems ist etwas, an dem Experimente aus der zuvor definierten Klasse ausgeführt werden können, um Antworten auf Fragen zu erhalten, die an das System gestellt wurden. Das Modell sollte daher nicht nur die Essenzen des Systems teilen, sondern denselben Randbedingungen entprechen, die durch die Klasse von Experimenten vorgegeben wurden. Das Modell ist indexikalisch, es verweist auf das zu beschreibende System. Keine Frage: Bei der Erstellung von Modellen ist ein kreative Leistung notwendig.

Doch Vorsicht! Es handelt sich um eine andere kreative Leistung als in der Kunst. Hier wird gelegentlich ein Ausschnitt aus der Realität als Modell benutzt, um von dessen Essenzen auf ein neues Einzelding, z.B. ein Gemälde, zu verweisen. Manchmal wird fälschlicherweise behauptet, das Kunstwerk selbst sei indexikalisch. Das Werk ist jedoch der Referent, auf den verwiesen wird. Eine Photographie einer geliebten Person verweist auf diese. Aber eine künstlerische Photographie dreht die Verweisrichtung um. Das Werk weist über die Essenzen des Modells hinaus. Dass Photos, die ursprünglich indexikalisch waren, sich zum Fetisch entwickeln können, zeigt, dass die Unterscheidung eine Gratwanderung ist, was ich jetzt aber an der Stelle mal so stehen lassen will.

Die interessante Frage ist, ob ein Kunstwerk Resultat einer wissenschaftlichen Forschung sein kann. Ich behaupte ja, wenn man gelegentlich auch in der Wissenschaft zu einer Komplexitätserweiterung bereit ist, bzw. zulässt, den Möglichkeitsraum aufzuweiten. Das kann kein allgemein gültiges Rezept sein. Die wissenschaftliche Suche nach Universalien sollte hin und wieder durch die Umkehrung, nämlich durch das Erschüttern eines vermeintlich vorliegenden Universaliensystems, wachgerüttelt werden. Das sollte keinesfalls als Plädoyer für Nominalismus verstanden werden, sondern als Methodenvorschlag, kategorische Irrtümer zu minimieren.

Noch ein Schlusswort zur Umkehrung der “Verweisrichtung”. Die Ingenieurszunft geht sehr häufig von Modellen aus, um sich die zugehörigen Systeme zu designen. Das erinnert in der Tat ansatzweise an die Kunst. Man muss allerdings bedenken, dass hier von Anfang an ein “prototypisches” Denken vorherrscht, bei dem zwar die zeitliche Abfolge, nicht aber die indexikalische Richtung verkehrt wurde. Abermals zeigt sich, dass “performative Wissenschaft” kein leichtfertiges Unternehmen sein darf, welches Kunst und Wissenschaft zu vereinigen trachtet. Die “Kunst” ist, gerade mit den Unterschieden zu arbeiten.