Archive for März, 2007

Marketing als Kunstform oder Kunst als Form des Marketings

Samstag, März 10th, 2007

In den Jahren 1970 - 1973 sprengte die Schuhfabrik Humanic in Österreich die Grenzen zwischen Kunst und Marketing.  Die von der Marketing-Abteilung in Auftrag gegebenen Performances und Medienkünste konnten relativ autonom vom Auftraggeber agieren und provozierten mit Aktionen, die das heutzutage so genannte “Guerilla marketing”, verwandt mit  “viral marketing”, vorwegnahmen. Vordergründig erinnerte zunächst überhaupt nichts an die werbende Firma oder dessen Produkte. Die Kunden der Schuhfabrik waren teilweise so irritiert und manche gar so erbost, dass sie Drohbriefe and die Firmenleitung schickten. Heutzutage ist es so, dass hinter den Künstlern - oops: viral marketing Agenten - manchmal selbst Terroristen vermutet werden.

Der 2006 neu an die Hochschule für Gestaltung berufene Medienkünstler Michael Bielicky gab seinen Einstand mit einem Guerilla Art Screening auf dem Karlsruher Markplatz. Guerilla Marketing und Guerilla Art wird ununterscheidbar. Wie auch: die Designer, Künstler und Kommunikationswirte sitzen in einer Klasse an den Kunst- und Gestaltungshochschulen oder partiziperen in “Kunstbetrieben” wie das der Hochschule für Gestaltung benachbarte Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Vielleicht kann man hinter diesem “best practice” eine echte Herausforderung an die Aufgeklärheit sehen, nämlich nachdenken und selbst entscheiden zu müssen, ob man es mit Kunst oder Marketing zu hat. Das man irritiert ist, hat vielleicht mit einem völlig obsoleten Wertekonservativismus zu tun und man sollte die alten Kategorien schnellstens einstampfen. Dass die ganze Angelegenheit trendy ist, lässt sich ja sogar evident analysieren. Die Moorhuhn-Aktion von Johnny Walker oder das YouTube-lonly girl Phänomen finden in der Blogosphäre des Internets ihre virale Ausbreitung, wobei man letztere mit, mit netzwerktheoretischen Elementen aufgepeppten, epidemiolgischen Modellen (daher der Name viral marketing) simulieren und zukünftige Trends antizipieren kann. Die in der Blogosphäre hinterlassenen Meme machen es möglich. Der Kunstbetrieb scheint an seiner kybernetischen Steuerung sogar interessiert zu sein. Man muss ja schließlich von was leben, oder?

Interessant ist, dass es aus den Reihen der Ökonomen natürlich auch Kritik am viralen Marketing gibt. Hauptargument ist, dass auch Unfug viral verbreitet wird, wie z.B. die Idee des “viral marketings” selbst,  was ergo dem werbenden Betrieb sogar schaden kann. Verteidigung der viralen Marketeers: Na da sieht man ja, dass viral funktioniert. An der Stelle nochmals ein Lob auf Sloterdijks Erkenntnis: Wir schreiben das Zeitalter der kybernetischen Ironie!

Science Beyond Representation

Samstag, März 3rd, 2007

Dem exzellenten Buch von Barbara Bolt mit dem Titel “Art Beyond Representation - The Performative Power of the Image” ist fast nichts hinzu zu fügen, außer der Verwunderung, dass ihre an Heidegger orientierte Einsicht, die sich im Titel widerspiegelt, heute noch so deutlich ausgesprochen werden muss. Das Buch ist aus dem Jahre 2004. Die performative Qualität von Kunst steht als Prämisse am Anfang der performativen Wissenschaft, die ich so nannte, weil ich eben diese performative Qualtität innerhalb bestimmter Teilbereiche der Wissenschaft etablieren wollte. Wenn selbst für die Kunst diese Eigenschaft noch so deutlich expliziert werden muss, dann werde ich hinsichtlich der Wissenschaft die Argumente noch schärfen müssen.

Wenn Bolt schreibt, dass “Representational representations goes hand-in-hand with the instumental thinking of contemporary technocratic society.”, dann sollte das nicht nur Anlass sein, die Kunst davon nicht vereinnahmen zu lassen, sondern auch die entsprechenden Bereiche der Wissenschaft diesbezüglich zu korrigieren. Obwohl diese Korrektur nicht identisch mit Bolts Vorschlägen hinsichtlich der Kunst sein kann, sind doch ein Großteil ihrer Argumente übertragbar.

Der bekannte Systemtheoretiker Ilya Prigogine versuchte, das Gefängnis der klassischen systemtheoretischen Logik zu verlassen, indem er eine an der Prozessphilosophie von Henri Bergson orientierten prozesshafte Systemtheorie betrieb. Seine Versuche, die Zeit zu verzeitlichen, haben derart an den Fundamenten der Naturwissenschaft gerüttelt, dass er Auslöser für die so genannte Sokal-Affäre wurde. Normalerweise wird der Systemtheorie eine “vereinheitlichende Macht” zugesprochen, die auch die Metaphysik im Grenzübergang enthält.
Für Heinz von Förster hatte die Kybernetik 2. Ordnung, also die durch ein Gehirn erfolgende systemtheoretische Beschreibung eines Gehirns, genau diese vereinheitlichende Macht. Mit anderen Worten: Die Systemtheorie enthält die Epistemologie. Metaphysik ist als mathematischer Grenzübergang aus der Systemtheorie ableitbar. Die Freiheitsgrade menschlichen Daseins resultieren demnach aus der Gödelschen Unentscheidbarkeitsproblematik bzw. aus einer von endlichen Systemen nicht in endlicher Zeit zu bewältigende algorithmischen Komplexität. Solche “Einsichten” gibt von Förster in seiner “KybernEthik” wider.

Ich glaube, dass die durch das von Wolf Singer initiierte Manifest für die Gehirnforschung ausgelöste heftige Spannung zwischen Philosophen und Naturwissenchaftlern ihren Grund in dieser Denkweise hat. Fast zwangsläufig muss ein “systemisch” denkender Mensch annehmen, dass Metapysik besser verstanden werden kann, wenn man die Physik versteht, ergo die Aussage von Singer, dass die Philosophie nebenbei innerhalb der Gehirntheorie abgehandelt werden kann. Ethik ist dann das Resultat einer über die Unentscheidbarkeit glättende Gehirnfunktion, die an der Aktivität des Moralzentrums im Gehirn ablesbar ist. Eine ähnliche Motivation haben die Vertreter der immer mächtiger werdenden evidenzbasierten Medizin, die diese auf eine evidenzbasierte Ethik erweitert sehen möchten.

Die performative Wissenschaft orientiert sich stark an der Fundamentalontologie Heideggers, der den Bruch am Interface, also die nicht stetig aus der Systemtheorie im Grenzübergang ableitbare Metaphysik, als ontisch-ontologische Differenz bezeichnet hat. Bekanntlich haben die Kybernetiker Fernando Flores und Stafford Beer ein nicht nur in die Annalen der Kybernetik, sondern auch in die der Kulturtheorie eingegangenes Konzept eines “Op-Rooms” im Chile zur Regierungszeit Allendes entworfen, dessen Kernidee war, dass die Gesellschaft in optimierter Weise kybernetisch gesteuert werden sollte, um, so die ernsthaft gut gemeinte Idee, eine Demokratisierung der Gesellschaft herbeizuführen. Es ist erstaunlich, wie sehr diese Idee in einer “stillen Revolution” fast umgesetzt wurde. Noch immer ist von einer Demokratisierung durch das Internet die Rede. In Wirklichkeit scheint mir eine Verdinglichung im Entstehen begriffen zu sein, die die modernen Wunschmaschinen hervor bringen.

Zu den kybernetischen Wundertechniken passt die Aussage von Barbara Bolt, “that strategy is a representationalist mode of operation that is dependent on abstract models for predetermining its outcome. These theoretical models then provide a blueprint for how the world will be organised.” Natürlich sollte alllen voran die Kunst eine kritische Haltung gegenüber solchermaßen produziertem Wissen sein. Die performative Wissenschaft möchte aber schon innerhalt der Wissensproduktion eine performative Komponente verankert wissen. Ob dies gelingen kann, darf, ja MUSS, diskutiert werden. Jedenfalls für einen Wissenschaftler, der sich den Ergebnissen einer kritischen Kunst nicht versperrt, scheint sich eine Oszillation zwischen den beiden Mannigfaltigkeiten der Kultur anzubieten.