Kybernetische Ironie oder die Selbstreferenzialität der Weblogs
Sonntag, Februar 11th, 2007Also, wer einen Link auf diesen Blog setzt ist dumm. Allerdings nicht dümmer als die, die es nicht tun. Ich muss zugeben, dass ich mich bisher noch viel zu wenig mit Peter Sloterdijk auseinander gesetzt habe. Wieviel Kluges er von sich gibt, weiss ich also nicht so genau. Ob ich es wüsste, wenn es diese Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten gäbe …
Jedenfalls gab Peter Sloterdijk anlässlich eines Symposiums am ZKM in Karlsruhe zum Thema “The Matrix” (das war wenige Wochen nach der Premiere des Welt-am-Draht-Verschnitts) im Vergleich zu allen anderen Vortragenden vielleicht das Klügste von sich: “Wir leben im Zeitalter der kybernetischen Ironie”. Um einige Jahre bzw. Jahrzehnte zeitverschoben, hat die Kybernetik mit der Thematisierung ihrer selbst in 2.Ordnung, den Anschluss an die Philosophie geschafft, die, im eigenen Saft des Logos schmorrend, immer nur endophilosophisch die Sprache benutzen kann, über die sie sich auslässt.
Da fällt mir abermals die Memetik ein. Irgendwie scheine ich an der Logik zweiter Ordnung dieses intellektuellen(?) Ergusses einen Unterhaltungswert gefunden zu haben. Also es ist so: Meme - das sind die Gene der Kultur - breiten sich wie Viren epidemiologisch aus und können sich, je nach Darwinscher Fitness, durchsetzen oder eben nicht. Wie in der biologischen Variante der Evolution auch, kann sich ein “Virus” dabei gelegentlich auch dann durchsetzen, wenn es dem Wirt überhaupt nicht bekommt. Die Memetik wird also herrlich unangreifbar, da jede Idiotie, die sich durchgesetzt hat, dieser Darwinschen Kulturtheorie Recht gibt. Richard Dawkins, der Erfinder der Memetik, sagt, dass die Religionen die besten Beispiele für üble Viren des Bewusstseins sind. Ich persönlich halte die Memetik für das bessere Beipiel, weil man mehr Evidenz für die Selbstreferenzialität unserer derzeitigen Kultur kaum finden kann. In der Feststellung “Warum eine Matrix bauen? Und warum Sie sich in einer befinden könnten”, würde ich den Konjunktiv ersatzlos streichen.
Naja, nun greifen also interdisziplinär forschende und innovativ gestalterische Menschen zunehmen häufiger die Idee der virulenten Meme auf, indem sie ebensolche erzeugen und in die weite Welt, meist in die Blogosphäre, entlassen (siehe innovative Blogger). Letzterer Teil der Welt - also fast die gesamte - bietet sich natürlich an, weil die Verbreitung der Meme wunderbar überwacht, analysiert und für lenkende Zwecke ausgeschlachtet werden kann. Dass also die Blogger damit die verlässlichsten Quellen von Trendforschung zur Generierung von verdinglichenden Trendwuschmaschinen sind, wird nirgends intensiver, als in Weblogs diskutiert (ihr habt das beste, aber keineswegs einzige, Beispiel vorliegen).
Also, wer keinen Blog hat, wird nicht wahrgenommen. Wer einen unterhält, hat sozusagen optimalen “BMI”. Nein, nicht “body mass index”, sondern, lass es mich so nennen: “blog mass index”, sprich ein Mass, ob und wie wenig man vom Standard abweicht. Also es gibt durchaus auch den Verdacht, dass etwas an der medialen Oberfläche erscheint, ohne dass hier viel hinzu- oder weggemendelt wurde. Wie ich das meine? Naja, ich frage mich, wie die Überschrift “MISSLUNGENES MARKETING” zu verstehen ist? Muss der Spiegel seine Freude über die sehr wohl erzeugte Aufmerksamkeit - und das ist ja wohl das Ziel des Marketings? Oder? - aus “political correctness” unterdrücken, die durch die Überschrift “Misslungene Terrorismus Hysterie” natürlich ebenfalls in Gefahr gewesen wäre. Also, wie dem auch sei, ich schließe für heute mit einem Salut auf die Freiheitsgrade der Interpretation und appeliere nochmals nachdrücklich an alle, nun hüsch brav dafür zu sorgen, dass dieser selbstreferenzielle Blog, wie er es verdient, seinem Darwinschen-Selektions-Schicksal zugeführt wird.