Angesichts der verschwindenden Grenzen in fast allen Bereichen sind möglicherweise reaktionäre “Rückbesinnungen” auf alte Wertekanones fast zwingend zu erwarten. Auch als Verfechter der Idee, Kunst und Wissenschaft als ein komplementäres System mit Wechselwirkungen der beiden Teile aufzufassen, die eine gesamtkulturelle Entwicklung ausmacht, kann man die Augen nicht vor der nivellierenden Tendenz verschließen, die von einer solchen synkretischen Ansicht mitsamt ihren verzichtbaren Nebenwirkungen eventuell ausgehen kann. Wissenschaft und Technik hat verdinglichenden Charakter. Kunst prinzipiell das Vermögen, sich aus der Verdinglichung heraus zu winden. Repräsentationalistische Methoden kontrastieren hier zu prozessualen, wenn man letztere überhaupt als “methodisch” begreifen kann. Wahrscheinlich ist es besser, “methodisch” mit “performativ” begrifflich zu komplementieren.
Nunja. Jedenfalls kommt man bei dem so genannten Guerilla-Marketing auf die Erkenntnis, dass es schlechtes und gutes Marketing gibt. Nach dieser Vorstellung ist der Einsatz von von Aktionskunst kaum noch zu unterscheidenden Marketingaktionen, die so gar nicht als Marketing-Strategien daherkommen, ein Beispiel guten Marketings. Das Moorhuhn und das lonlygirl-Phänomen auf YouTube sind nur zwei Beispiele, deren virale Verbreitung einem Teilbereich des Guerilla marketings auch den Namen “virales Marketing” verlieh. Mit netztheoretischen Modellen, die mit epidemiologischen Theorien zur Ausbreitung von Infektionen angereichert sind, lassen sich die Ideenausbreitungen recht passabel beschreiben. Aus Sicht der Marketing-Leute wünscht man sich eine langanhaltende Epidemie der eigenen Marketingidee. Empirisch lässt sich die Effizienz einer Marketingmaßnahme an den in Weblogs und Foren sich niederschlagenden Diskussionen und Reaktionen erfassen. Grundsätzlich ergibt sich durch die Adaptation des Modells auf das gesellschaftliche Verhalten eine mächtige Prädiktionsmaschine. Kunst ist hier also ein Rädchen im sozialdarwinistischen Getriebe, wie Richard Dawkins ohnehin schon immer wusste. Übrigens wird die virale Dynamik der Blogs selbst in den Blogs ganz begeistert diskutiert. Es erstaunt immer wieder, wie ergodisch sich die Gesellschaft verhält.
Nun, als Epidemiologe weiß man, dass es auch ein Immunsystem gibt, das mit den Viren am Ende, bis auf ein paar bedauerlichen Ausnahmen, fertig wird. Bisher ist mir allerdings diese Analogie im Kontext des viralen Marketings mit der hier gemeinten konterkarierenden Wirkung noch nicht begegnet. Mag nicht unbedingt verwundern. Oder doch? Immerhin scheint virales Marketing sehr souverän aufzutreten. Jedenfalls möchte ich hier die Abwehrkraft, auf die die Kunst sicher nicht reduzierbar ist, aber zumindest als eines ihrer wesentlichen Merkmale diagnostiziert werden kann, ins Feld führen. Kunst, die die zunehmende Verdinglichung der Menschen durch die Informationstechnologien zu konterkarieren vermang, sollte in diesem ihrem Tun motiviert werden. Übrigens sei abschließend betont, dass die performative Wissenschaft sich der Problematik sehr bewusst ist und alles andere als eine Nivellierung der “zwei Kulturen” verlangt, sondern eher eine dritte Episteme im Zwischenraum definiert. Vielleicht genügt die Subversivität der Kunst als Wertekanon, auf den sich zu besinnen genügt. Weitere Patentrezepte sind nicht zu erwarten.