PERFORMATIVE WISSENSCHAFTDas Thema "Kunst und Wissenschaft" (K&W) ist im 21. Jahrhundert erneut virulent. Dass die beiden "Kultur-Welten" in der griechischen Philosophie, von den Vor- bis zu den Nachsokratikern und abermals in der Renaissance, im Speziellen bei Leonardo Da Vinci, quasi als eins gedacht wurden, hat nicht ihre Spaltung verhindern können. Vor allem aus der so genannten Medienkunst heraus haben sich jedoch nun zahlreiche Künstler ganz explizit dem Thema K&W verschrieben. Es gibt sogar neue Fachbereiche an Kunsthochschulen, die durch ihre Namensgebung wie "Kunst als Forschung" oder "Interface-Cultures" ihre Nähe zur Wissenschaft ausdrücken. Umgekehrt glauben Wissenschaftler nicht nur aufgrund ihrer kreativen Vorgehensweisen, sondern auch durch den Einsatz sinnlicher Darstellungen (Bild, Ton, Haptik, etc.) eine Ästhetik zu pflegen, die Kunstcharakter hat.Es fällt auf, dass die Wissenschaftler unter dem Begriff der Ästhetik zumeist die Schönheit ihrer Formeln und Darstellungen, beispielsweise die fraktalen Strukturen, thematisieren. Künstler hingegen reden nur in seltenen Ausnahmefällen vom "Schönen". Das "Schöne" der Wissenschaft resultiert aus den sich in ihren Modellen offenbarenden "göttlichen Symmetrien und Selbstähnlichkeiten". Die aus der Symmetrie folgende, so genannte Invarianz ihrer Modelle ist hierbei wesentlich. Sie müssen auf die gestrige, heutige und morgige Physik anwendbar sein. Neben der zeitlichen Wiederholbarkeit der Experimente beruht die ganze Physik auf Ableitung von Erhaltungsgrößen und dem Auffinden von "ewig" gültigen Gesetzen, die geradezu im Widerspruch zur Erklärung des Auftauchens völlig neuer Phänomene steht. Dagegen stand die Kunst insbesondere der Moderne unter dem Diktum, innovativ sein zu müssen. Was bis heute gilt, ist die Tatsache, dass jeder Definitionsversuch von Kunst alsbald innerhalb der Kunst ad absurdum geführt wird. Die "Regeln" der Kunst lassen sich nicht als invariante Eigenschaften erfassen. Der Ästhetik-Begriff in der Kunsttheorie ist daher weniger strukturell als viel mehr zeitlich/prozessual aufgefasst. Nun ist bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts sowohl der Genie-Kult der Kunst aufgehoben worden, der mit dem genialen Hervorbringen des Neuen und bisher nicht Gedachten in engster Verbindung stand und mit der Synergetik und Chaosforschung auch die nach ehernen Gesetzen suchende Gegenseite zu neuen Ufern aufgebrochen. "Selbstorganisation" und "Emergenz" sind unscharfe Begriffe der in die neuen nichtlinearen Formeln der Chaosforscher hinein interpretierten Rettungsversuche, auch das Auftauchen des Unerwarteten gesetzmäßig zu erklären. Diese Begriffe werden auch in der Philosophie und in der Kunst aufgegriffen. "Performative Wissenschaft", wie sie am Institut für Neue Medien in Frankfurt erforscht und umgesetzt wird, möchte nicht den unmöglichen Versuch unternehmen, Kunst und Wissenschaft zu vereinigen. Vielmehr geht es darum, die Komplementarität der beiden Kulturen fruchtbar zu nutzen, indem gewissermaßen ein Oszillieren zwischen den Disziplinen erlaubt und gefördert wird. Organisationswissenschaften, Wissensmanagement oder Forschungsbereiche, die sich Kompetenzforschung nennen, gesellen sich heute zur schon fast traditionellen Zukunftsforschung, deren erklärtes Ziel (unter anderen) ist, "Regeln" für eine innovative Umgebung zu schaffen. Natürlich geht die "performative Wissenschaft" über die Forderung hinaus, Künstler in wissenschaftliche, ökonomische, politische und weitere Projekte einzubinden, quasi als Partner, die sich besonders auf den Perspektivwechsel verstehen. Es wird ganz konkret an einem Interface-Design gearbeitet, das in einem möglichst geringen Umfang von Benutzer-Modellen ausgeht und statt dessen Freiheitsgrade für einen Prozess, hier als "nicht-invariante Dynamik" verstanden, ermöglicht. Viele der heute im elektronischen Raum (eingebaut in die Software auf dem eigenen Computer oder im Internet flottierend) im Einsatz befindlichen intelligenten adaptiven Algorithmen, so genannte Bots, versuchen auf Grund eines adaptiv erstellen Benutzerprofils dessen/deren Handlung zu antizipieren und schränken ihn/sie auf wenig innovative Handlungsräume ein. Neben den erwähnten "Navigations-Werkzeugen" im "Datenraum" werden auch konkrete Konzepte für wissenschaftliche Forschung im Bereich der Erforschung komplexer Systeme, insbesondere kognitiver Vorgänge, erstellt. Das Wesentliche hierbei ist abermals, den kreativ handelnden Menschen in das Modell einzubinden. Hier sind konkret künstlerische Ansätze gefragt, wie sie beispielsweise häufig aber nicht ausschließlich in der interaktiven Medienkunst anzutreffen sind. Es wundert daher nicht, dass zusammen mit Künstlern Museums-Installationen entworfen werden und das Museum quasi als "genius loci" gesehen wird, wissenschaftliche Feldstudien, gepaart mit dem über eine bloße Didaktik hinausgehenden Angebot an die Museumsbesucher zur Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Konzepten, durchzuführen. Unter "OPERATIONALER HERMENEUTIK" verstehe ich eine Wechselbeziehung zwischen Systemtheorie/Technik und Hermeneutik. Technik wird hier im Wesentlichen als ein Resultat wissenschaftlicher Forschung betracht. Genau genommen beziehe ich mich auf kybernetische Technik, die als Interpretationshilfe im weitesten Sinne aus der "Informationsgesellschaft" nicht mehr wegzudenken ist. Ein adaptives Werkzeug für data mining beispielsweise kann zur Erzeugung neuer Hypothesen und/oder Interpretationen beitragen. Hermeneutik, im vorliegenden Kontext stark vereinfacht als die Theorie des Verstehens aus der Mitte heraus - das Ganze bezieht sich auf die Teile und umgekehrt - betrachtet, kann ihrerseits nicht ohne mediale und technische Werkzeuge diskutiert werden - was durch "aus der Mitte heraus" bereits mitschwingt. Ein großes Gefahrenpotential der Technik ist jedoch ihre Tendenz zur Verdinglichung. Die statistischen Korrelate werden manchmal schon als objektive Basis für Interpretationen herangezogen, was mit dem Begriff der "Evidenz" verstärkt wird. Daher plädiert die operationale Hermeneutik für ein selbst-reflexives Moment in Wissenschaft und Technologie. Operationale Hermeneutik bedeutet nicht, dass die Hermeneutik an sich schon operationalisierbar wäre, sondern eben die beschriebene Kombination mit kybernetischen "Interpretationsprothesen". Man redet heute in vielen Bereichen - auch in kultur- und kunstwissenschaftlichen - vom "systemischen Denken". Ein Verstehen des Ganzen und deren Teile aus dem Kontext bedingt sich wechselseitig und führt zu einem Verständnisprozess, der sich in seiner Beschreibung nicht von der des hermeneutischen Zirkels unterscheidet. Erkennt man den m.E. kaum zu negierenden Zusammenhang zwischen Systemtheorie und (Heideggerschen) Hermeneutik - den übrigens Winograd und Flores 1986 in ihrem Buch "Understanding computers and cognition" ausführlich beschrieben - und spricht fortan von Hermeneutik, so stößt man selbst bei denen, die sich "systemisches Denken" auf die Fahnen schreiben, oft auf ablehnende Haltung. Ein wesentlicher Grund für mich von dieser von mir eher als Modeerscheinung diagnostizierten aber sachlich kaum begründeten Aversion Abstand zu nehmen, liegt in meiner Auffassung, dass Hermeneutik ein tragfähiges Konzept zwischen Realismus und radikalem Konstruktivismus darstellt. Hermeneutik hat die längere Tradition als "systemisches Denken". Systemtheorie vermag neue Aspekte der Komplexitätsforschung beizufügen. Die Kombination zur "operationalen Hermeneutik" liegt nahe. Von zentraler Bedeutung sind die Fundamentalontologie von Martin Heidegger sowie die phänomenologische Ontologie von Jean Paul Sartre. Aus den beiden Konzepten "performative Wissenschaft" und "operationale Hermeneutik", leite ich Evidenz ab, dass die Naturwissenschaften selbst hermeneutisch sind, dessen Diskussion aber ein umfangreiches Unterfangen ist. Siehe auch die Art & Science-Kategorie im MARCEL Projekt. PUBLIKATIONEN ZUR PERFORMATIVEN WISSENSCHAFT UND OPERATIONALEN HERMENEUTIKHans H. Diebner: Ästhetik und Ethik als Optimalitäts-Probleme in der systemtheoretischen Ressourcen-Ökonomie. In: Thomas Friedrich und Klaus Schwarzfischer (Hrsg.): Wirklichkeit als Design-Problem. Zum Verhältnis von Ästhetik, Ökonomik und Ethik. Ergon-Verlag, Würzburg, 2008. pp. 89-112.Hans H. Diebner: Where Art and Science Meet (or where they work at cross-purposes). In: Uwe Seifert, Jin Hyun Kim, and Anthony Moore (Eds.): Paradoxes of Interactivity: Perspectives for Media Theory, Human-Computer Interaction, and Artistic Investigations. Transcript Verlag, Bielefeld, 2008. pp. 142-159. Hans H. Diebner: Ciencia Performativa - un dialogo/Performative Wissenschaft - Eine Verhandlung. clave 019-97, 89-113, 1/2008. (Printausgabe in spanischer Sprache, online auch auf Deutsch). Hans H. Diebner: Performative Wissenschaft - Eine innovative Wissensform als Oszillation zwischen Mediendesign und Wissenschaft (pdf). In: Michael Klein und Hans H. Diebner: Generation Wissen: Positionen - Kontexte - Diskurse. INM, Frankfurt. Erscheint im Herbst 2008. Hans H. Diebner: An Introduction to Performative Science. A Minima 21, 78-95 (2007). Hans H. Diebner: Performative Science and Beyond - Involving the Process in Research. Springer, Wien, 2006. Hans H. Diebner: Bilder sind komplexe Systeme und deren Interpretationen noch viel komplexer: Über die Verwandtschaft von Hermeneutik und Systemtheorie. In: Inge Hinterwaldner und Markus Buschhaus (Eds.), The Picture's Image. Wissenschaftliche Visualisierung als Komposit. Fink-Verlag, Mnchen, 2006, pp. 282-299. Hans H. Diebner: Über die Rolle von Kunst in den Sozial- und Organisationswissenschaften. In: Timo Meynhardt und Ewald J. Brunner (Eds.), Selbstorganisation managen - Beiträge zur Synergetik der Organisation. Waxmann, Münster, 2005, pp. 117-134. Hans H. Diebner: Von guten Algorithmen und schlechten Menschen. In: Barbara Könches und Peter Weibel (Hrsg.), UnSICHTBARes - kunst_wissenschaft. Benteli-Verlag, Bern, 2005, pp. 384-405. Hans H. Diebner: Performative Wissenschaft: Unerforschlich Falsches? In: Walter Grond, Beat Mazenauer (Hrsg.), Das Wahre, Falsche, Schöne. Realityshow. Essays. Studienverlag/Haymonverlag, Innsbruck, 2005, pp. 69-75. Die URL zur Ausstellung und zum Essayband (Passw. SH1B): http://realityshow.lesenamnetz.org |