Seit Duchamp wurden in der künstlerischen Avantgarde immer wieder zwei Forderungen laut: Die Einschreibung von Kunst ins Leben und die Einverleibung der Wissenschaft in die Kunst. Eine erste Zuspitzung erfuhr diese “Einschreibung ins Leben” durch den Situationismus. Leben kann selbst als Kunstwerk aufgefasst werden, so die Situationisten in ihrer Konkretisierung der Vorgaben Duchamps, wenn es einer konstruierten Zweckfreiheit genügt. Andere sprachen von “sozialer Plastik”. Im Mittelpunkt steht die Herstellung (zwischenmenschlicher) Relationen. In gewissem Sinne ist diese Kunst eine Performance-Kunst, wobei in den meisten Fällen weniger die KünstlerInnen, denn die RezipientInnen zu den Performern werden.
Nicolas Bourriaud (2002) hat vorgeschlagen, diesen Schwerpunkt künstlerischen Schaffens “Relationale Aesthetik” zu nennen. Dazu zählen in der zeitgenössischen Kunst auch und vor allem interaktive Installationen und Netzkunst. Denn rasch hatte sich die künstlerische Avantgarde die Kybernetik als mögliches Vehikel für das Ansinnen dieser relationalen Ästhetik zunutze gemacht. Damit ist diese Kunst fast zwangsläufig nahe dem Ingenieurswesen angesiedelt und bisweilen dezidiert wissenschaftlich unterwegs. In Bezug auf “Second Life” meinte der ZKM-Direktor Peter Weibel, der selbst zu den Pionieren interaktiver Installationen zählt, ganz euphorisch in einem Spiegel-Interview (Knöfel 2007): “Kunst und Leben werden eins.”
Boris Groys (2005) sieht die Sache etwas skeptischer. Durch diese Zuwendung zum Leben, so Boris Groys, war es vor allem die Avantgarde, die durch ihre systemische Herangehensweise eine funktionale Vereinnahmung durch “das System” evozierte: “[…] it was precisely the radicalisation of the notion of creativity by the revolutionary avant-garde that has historically led to its integration into the ’system’.” Verdinglichung von Kunst durch Kybernetik. Wer meines Erachtens jedoch überraschend profitieren kann, ist die Wissenschaft. Ich versuche diese Hypothese in einem gerade erschienenen Aufsatz zu begründen:
Hans H. Diebner: Where Art and Science Meet (or where they work at cross-purposes). In: Uwe Seifert, Jin Hyun Kim, and Anthony Moore (Eds.): Paradoxes of Interactivity: Perspectives for Media Theory, Human-Computer Interaction, and Artistic Investigations. Transcript Verlag, Bielefeld, 2008. pp. 142-159.
Weitere Beitragende in dem Buch sind:
Uwe Seifert, Sybille Krämer, Ludwig Jäger, Jin Hyun Kim, Werner Rammert, Frieder Nake, Rudolf Kaehr, Hans H. Diebner, Christoph Lischka, Julian Rohrhuber, Georg Trogemann, Stefan Göllner, Lasse Scherffig, Antonio Camurri, Barbara Mazzarino, Gualtiero Volpe, Martina Leeker, Monika Fleischmann, Wolfgang Strauss, Jin Hyun Kim, Gil Weinberg, Suguru Goto.
Uwe Seifert schreibt in seinem einleitenden Beitrag:
“Paradox” as used in the title of the book refers to the ordinary meaning of the word, and not to the well-known paradoxes of logic and mathematics such as Russell’s set-theoretical paradox or Zeno’s paradoxes of plurality and motion. The semantic field of the ordinary meaning of the word “paradox” derives from the ancient Greek word “parádoxos” consisting of “pará” meaning “contrary” and “dóxa” meaning “opinion”. In Book V of his “Republic” Plato speaks of “paradoxos logos”. Used in this sense the meaning of “paradox” is “a statement contrary to expectation”, “an incredible statement”, “a statement contrary to accepted opinion”, “against common sense or ordinary opinion”, “provocative to accepted opinion or common sense”, “contrary to generally accepted belief” or “something surprising”. What are the provocative or incredible ideas associated with “interactivity”?
Literatur:
Nicolas Bourriaud: Relational Aesthetics. les presses du reel, Dijon, 2002.
Boris Groys: The Mimesis of Thinking. In: Donna De Salvo (Ed.): Open Systems - Rethinking Art c.1979. Tate Publishing, London, 2005, pp. 50-63.
Ulrike Knöfel: Das neue Leben vor dem Tod - Interview mit Peter Weibel. Der Spiegel Heft 8, 156-157 (2007).